Danger meets Love: Gefangen in alter Schuld: Samantha & Dean

Erschienen: 11/2022
Serie: Danger meets Love
Teil der Serie: 2

Genre: Dark Erotica, Mafia Romance

Location: England


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-586-0
ebook: 978-3-86495-587-7

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Danger meets Love: Gefangen in alter Schuld: Samantha & Dean


Inhaltsangabe

Der Komponist Dean Thomas hat seine Vergangenheit als Mitglied der Mafia hinter sich gelassen, bis jemand seine wahre Identität herausfindet. Er wird erpresst und muss über das Schicksal der Ärztin Samantha Walton entscheiden, wenn sein Leben nicht zerstört werden soll.

Samantha Walton ist Ärztin und hat sich einem Geheimbund angeschlossen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die weltweit agierende organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Nach einer anstrengenden Schicht in der Notaufnahme findet sie einen handgeschriebenen Hilferuf in der Tasche ihres Kittels.
Ihre Reaktion darauf katapultiert sie in die Hände des Komponisten Dean Thomas, von dem niemand weiß, dass Hass und Gewalt seine Kindheit prägten. Seine Blicke lassen ihre Haut kribbeln und ihr Herz schneller schlagen. Doch wie gefährlich es ist, sich auf Dean einzulassen, muss Samantha erfahren, als er sie kurzerhand entführt. 

Zwei Menschen als Spielbälle der Mafia. Nur wenn sie mutig genug sind, sich zu vertrauen, werden sie überleben.

Über die Autorin

Sara-Maria Lukas (alias Sabine Bruns) war gebürtige Bremerin und lebte mit ihrem Partner und diversen Vierbeinern in einem winzigen Dorf zwischen Hamburg und Bremen. Die Verbundenheit zur Natur, sowie die Liebe zum Meer und der norddeutschen Lebensart bestimmten ihren Alltag...

Weitere Teile der Danger meets Love Serie

Leseprobe

Würde Samantha Walton tatsächlich dieses verlassene Grundstück betreten, würde er sie überwältigen und gefesselt in dem Lieferwagen zu seinem Haus transportieren, so schnell wie möglich gegen Sally austauschen und vergessen. Das war der simple Plan.
Aller Voraussicht nach würde Anthony sie als Mitglied einer feindlichen Familie umbringen, aber das war Dean egal. Mitleid war nicht angebracht, denn die Ärztin gehörte auch zu diesem weltweit agierenden Netz von Verbrechern, zur organisierten Kriminalität, zur Mafia. Sie hatte also selbst genug Dreck am Stecken.
Das Auto kehrte zurück und hielt am Straßenrand. Dean ballte die Fäuste. Würde sie aussteigen? Tatsächlich, die Autotür...

...öffnete sich und sie erschien. Sie trug jetzt eine enge Jeans, flache Schuhe und ein schlichtes T-Shirt und wirkte dadurch jünger als im Arztkittel.
Unwillkürlich spannten sich seine Muskeln an. „Na komm schon“, brummte er, während er beobachtete, wie sie zögerte, das verrostete Gartentor aufzuschieben. Doch sie tat es und ging langsam auf das Haus zu.
Einige Minuten sah er sie nicht und stellte sich vor, wie sie an der Vorderseite versuchte, durch die Fenster in die Räume zu spähen, nachdem sie festgestellt hatte, dass die Tür verschlossen war. Jede Sekunde würde sie um die Ecke biegen, um den Schuppen zu inspizieren.
Es war so weit. Als sie durch das kleine Fenster an der Seite hineinblickte und den Lieferwagen musterte, drückte er sich an die Wand. Zögernd näherte sie sich dem Tor. Noch ein paar Schritte, dann musste er zuschlagen, wenn er sie überrumpeln wollte, bevor sie ihn entdeckte.
Sie blieb knapp zwei Meter vor dem zweiflügeligen Holztor stehen und wendete sich um, um die Umgebung ein letztes Mal zu checken, bevor sie versuchte, ob sich das Tor öffnen ließ.
Perfekt.
Er schob ruckartig die rechte Torhälfte auf, sprang heraus, packte sie an den Oberarmen und zerrte sie rückwärts in den Schuppen hinein. Ehe sie reagieren konnte, hatte er sie gefangen und das Holztor wieder geschlossen.

***

Verflucht! Sie hatte sich wie eine Anfängerin überrumpeln lassen! Samantha hasste sich in diesem Moment mehr als den Fremden, dem sie es so leicht gemacht hatte, sie auszutricksen.
Er war größer als sie und umklammerte sie mit stählern harten Muskeln. Ein Arm presste ihren Brustkorb zusammen, die Hand des anderen lag über ihrem Mund. Sie bekam kaum Luft und schnaufte durch die Nase, trotzdem trat sie mit aller Kraft gegen sein Schienbein und hörte, wie er dicht an ihrem Hinterkopf durch die Zähne zischte. Doch seine Umklammerung wurde trotz ihres schmerzhaften Trittes nicht lockerer.
Sie durfte nicht panisch werden. Situationen wie diese hatten sie im Training immer wieder geübt. Cool bleiben und die Schwachstelle des Gegners suchen, das ist deine Aufgabe, hörte sie Magnus Stimme eindringlich in ihrem Kopf und gehorchte ihr. Sein linker Arm war keine Schwachstelle, der quetschte immer noch ihren Brustkorb ein und schien nicht müde zu werden. Die rechte Hand lag auch unverrückbar über ihrem Mund. Wäre sie kleiner und nicht so gut platziert, könnte sie versuchen, ihn zu beißen, so aber war das unmöglich. Er war ihr kräftemäßig überlegen, also blieb nur eine Option: Sie musste intelligenter sein als er, sie musste ihn überlisten.
Sie atmete lang gezogen aus und zwang sich, alle Muskeln zu entspannen, damit er glaubte, sie würde ermüden oder kurz vor einer Ohnmacht stehen.
Es funktionierte, die Umklammerung wurde schwächer, auch der Druck auf ihren Mund ließ nach. Seine Hand blieb nur noch locker über ihren Lippen liegen.
„Bitte tun Sie mir nichts“, jammerte sie, als wäre sie verzweifelt.
„Wehr dich nicht, dann passiert dir auch nichts“, antwortete, nein, knurrte er. Irgendetwas an seiner Stimme kam ihr bekannt vor, aber sie konnte nicht so schnell definieren, was. Verdammt! Wer war der Kerl?
„Was wollen Sie von mir? Ich gebe Ihnen Geld! Alles, was ich habe! Aber bitte lassen Sie mich laufen.“
„Keine Angst, ich will nichts von dir. Jemand anders möchte dich sprechen.“
Während er die Worte so hart zischte, dass es sich wie unterdrückte Wut anhörte, zerrte er sie zu dem Lieferwagen, den sie von außen schon gesehen hatte. Sie war so dämlich gewesen, zu glauben, dass darin die Frau eingesperrt war, die sie retten wollte. Dabei diente das Scheißding dazu, sie selbst zu entführen.
Die Hand, die auf ihrem Mund gelegen hatte, griff an ihr vorbei zur Tür. Er trug einen Verband am Finger. Sie erstarrte innerlich. Diesen Verband erkannte sie sofort. Sie hatte ihn selbst angelegt. Der Mann, der sie entführte, war der Komponist.
„Sie?“, keuchte sie, doch er schnaubte bloß und die Schiebetür des Transporters flog auf.
Während er sie in den Wagen bugsieren wollte, drückte sie mit plötzlich wieder angespannten Muskeln schwer gegen seine Brust und spürte den gewünschten Effekt. Er hatte nicht damit gerechnet und kam ganz leicht aus dem Gleichgewicht. Das war der Moment, um ihn zu überrumpeln. Sie stieß ihren Kopf mit voller Kraft zurück gegen sein Kinn. Der Arm um ihren Brustkorb löste sich, sie ließ sich fallen, stemmte sich mit den Händen zur Seite, rollte auf den Rücken, zog die Knie an und trat ihm mit aller Kraft in den Bauch.
Leider erwischte ihn nicht der volle Druck ihres Trittes, denn er reagierte blitzschnell und wich ihren Füßen nach hinten aus. Der Knabe war vom Fach, er hatte zu schnell gewusst, was sie vorhatte und geradezu reflexartig reagiert. Er kannte garantiert die chinesischen oder japanischen Kampfkünste. Immerhin reichte ihr Tritt, um genügend Platz zwischen ihnen zu schaffen, damit sie an ihm vorbei aufspringen konnte. Allerdings war ihr Handy bei der Aktion aus der Hosentasche gefallen und sie hatte keine Zeit, es aufzuheben. Darauf musste sie also verzichten. Ihre Freiheit war es wert. Sie visierte das offene Schuppentor an, doch bevor sie es erreichen konnte, hatte er sie erneut gepackt. Scheiße! Der Typ war tatsächlich bestens trainiert. Sie hatte keine Chance gegen ihn.
Nur eine Sekunde später lag sie auf dem harten Boden der Ladefläche auf dem Bauch. Er kniete über ihr, hielt mit einer Faust in ihren Haaren ihren Kopf und stopfte ihr mit der anderen Hand ein stinkendes Tuch zwischen die Zähne. Dann hörte sie das ratschende Geräusch von Klebeband, das von der Rolle abgezogen wurde. Er verklebte ihren Mund.
Wusste der Scheißtyp nicht, dass man an einem Knebel ersticken konnte? Sie verlor die Selbstbeherrschung und schrie ihn an, doch das wurde natürlich bloß ein jämmerliches, unterdrücktes Gewimmer.
Ihre Arme und Beine wurden ebenfalls mit Klebeband gefesselt, bis sie als wehrloses, zusammengeschnürtes Paket vor ihm lag.
Er hielt sich nicht lange damit auf, sich an seinem Werk zu erfreuen, sondern warf eine Decke über sie, und sie hörte, wie er aus dem Auto sprang und die Schiebetür schloss. Stille. Samanthas Herz hämmerte in der Brust. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie Angst. Todesangst.
Das Knarren der alten Holztüren drang bis in den Wagen. Das Geräusch lenkte sie von der aufsteigenden Panik ab, sie konnte wieder denken und hörte, wie ihr Entführer einstieg und den Motor startete.
Er raste los und Samantha wurde auf dem harten Boden hin und her geschleudert, als er auf die Straße abbog.
Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Sie durfte keine neue Panikwelle zulassen. Sie musste sich alles, was sie wahrnehmen konnte, merken.
Der Boden, auf dem sie lag, roch nach neuwertigem Gummi. Der Transporter wurde garantiert nicht jeden Tag für einen normalen Job benutzt. Entweder war es ein neuer Wagen oder der Komponist hatte ihn für die Entführung gemietet.
Er war links abgebogen. Zum Glück stand ihr Auto am Straßenrand. Die Polizei würde es finden, sobald man sie vermisste und die Suche nach ihr begann.
Wann würde das sein? Am Abend, wenn sie nicht zur Nachtschicht im Krankenhaus erschien?
Hoffentlich lebte sie am Ende dieses Tages überhaupt noch. Sollte ihre Gruppe um Magnus Jenkins aufgeflogen sein, weil dieser Bodyguard tatsächlich geredet hatte, würde es um Rache gehen und sie schnell sterben. Doch dann hätte der Typ sie gleich in dem alten Schuppen erwürgen und dort liegen lassen können.
Er war der verdammte Komponist und sie hatte ihn maßlos unterschätzt! Neben dem Rentner mit der ausgekugelten Schulter war er der Einzige, den sie bei ihren Überlegungen zu dem handschriftlichen Hilferuf als Erstes ausgeschlossen hatte.
Aber warum sollte so einer mit der Mafia zu tun haben? Nein, viel wahrscheinlicher war, dass ihre Entführung nichts mit dem Mendoza-Clan zu tun hatte und der Komponist ein irrer Serientäter war, der sie foltern, vergewaltigen und anschließend umbringen wollte. Vermutlich hatte sie durch ihre Ablehnung seiner Einladung den Zorn des Soziopathen geweckt und jetzt rächte er sich. Das war gut. Damit konnte sie umgehen. So einer agierte nicht durchdacht, sondern triebgesteuert. Sie würde ihn täuschen und bei nächster Gelegenheit überwältigen.
Sie hörte Autos. Hupen. Einmal für kurze Zeit das Knattern der Rotoren eines Hubschraubers über ihnen. Und der Motor des Wagens brummte gleichmäßig. Sie mussten auf der Stadtautobahn unterwegs sein, das bedeutete, er war in Richtung Zentrum gefahren.
Er bremste und sie durchfuhren eine lang gezogene Kurve. Das konnte nur bedeuten, dass er die Schnellstraße verlassen hatte. Es folgte ein Stopp, vermutlich an einer Ampel, denn der Motor lief weiter.
Er gab Gas, doch sie fuhren jetzt langsamer. Wollte er erneut abbiegen? Ja, sie hörte den Blinker. Diesmal ging es nach links und dann lange geradeaus, bevor er wieder mehrmals abbog.
Samantha versuchte, sich im Geiste auf einem imaginären Stadtplan zu orientieren. Anscheinend hatten sie das Zentrum umrundet und bewegten sich wieder am Stadtrand, dann mussten sie jetzt in Hampstead sein, dem Stadtteil, in dem die Reichen ihre Villen hatten.
Der Komponist wohnte dort. Sie erinnerte sich an seine Adresse auf der Krankenhausakte. Wenn er sie in sein eigenes Haus brachte, konnte das nur bedeuten, dass der Typ tatsächlich bloß ein Triebtäter war.
Ein Clan-Mitglied wäre nie so unvorsichtig.

***

Dean bog in seine Auffahrt ein, hielt an und öffnete per Funksignal das Tor der Garage, die in den Keller seiner Villa integriert war. Er ließ den Wagen hineinrollen, schaltete den Motor aus und drückte erneut auf die Fernbedienung des Tores. Regungslos wartete er auf dem Fahrersitz, bis er im Rückspiegel sah, dass es sich wieder ganz geschlossen hatte. Dann erst konnte er durchatmen. Geschafft.
Seine Gefangene gab keinen Laut von sich. Er sah hinter sich. Sie bewegte sich auch nicht. Fuck! Zum Mörder wollte er nicht werden. Er beugte sich neben dem Sitz herunter und zog die Decke von ihrem Körper. Dunkle Augen blitzten ihn unter einer zusammengezogenen Stirn an und es fühlte sich an, als ob ihre Blicke ihn physisch trafen. Selbst in dieser Situation nahm er ihre Anziehungskraft wahr. Er versuchte, das zu ignorieren. Sie lebte und es ging ihr gut.
Plötzlich ärgerte er sich darüber, dass es ihn überhaupt interessierte, wie es ihr ging. Auch wenn ihre Persönlichkeit noch so unverdorben schien, sie gehörte zum organisierten Verbrechen. Solche Leute waren wie Ungeziefer, das man nie ganz ausrotten konnte, weil zu viel davon die Welt verseuchte.
Mit einem Ruck drehte er sich zurück, nahm ihr Handy vom Beifahrersitz, stieg aus und schlug die Fahrertür zu. Durch die stählerne Feuerschutztür betrat er den Kellerbereich. Er lief an seinem Tonstudio vorbei, die Treppe hinauf, durchquerte den lang gezogenen Wohnbereich und holte sich ein Mineralwasser aus dem Kühlschrank.
Ihr Handy war voller Sand. Ganz automatisch wischte er es ab und starrte auf das schwarze Display. Zum Glück hatte er daran gedacht, es auszuschalten, damit es nicht geortet werden konnte.
Er ließ es auf den niedrigen Tisch im Wohnbereich fallen, stellte sich an das mittlere der bodentiefen Fenster und beobachtete den Vorgarten und die Straße. Es blieb ruhig. Autos fuhren in normaler Geschwindigkeit vorbei, keins, das vor seinem Haus besonders langsam wurde oder sogar anhielt, keins, dessen Fahrer und Beifahrer nach Polizisten aussahen. Anscheinend hatte er Glück gehabt und es hatte tatsächlich keine Zeugen der Entführung gegeben.
Nun musste er die Frau bloß noch gegen Sally austauschen und der Albtraum wäre vorbei.
Er setzte sich auf einen Sessel, griff zum Telefon und rief Anthony Mendoza an.
„Ich habe die Frau.“
„Keine Zeugen?“
„Natürlich nicht, hältst du mich für blöd?“
Er lachte. „Sehr schön.“
„Wo soll ich sie hinbringen?“
„Wir treffen uns morgen Nacht in einer leerstehenden Lagerhalle in Stanwell Moor. Ich schicke dir früh genug die Koordinaten.“
Morgen Nacht? Dean sprang auf. „Warum nicht sofort?“
„Weil ich keine Zeit habe.“ Er lachte. „Freu dich doch, so hast du Zeit genug, dich mit ihr zu amüsieren. Solange sie noch reden kann, wenn du sie ablieferst, ist alles in bester Ordnung.“
Es tutete im Handy. Das arrogante Arschloch hatte das Gespräch beendet. Fuck!
Dean schlug mit der Handfläche gegen die Fensterscheibe. Was sollte er sechsunddreißig Stunden lang mit der Frau anfangen? Er konnte sie ja nicht so lange zusammengeschnürt im Auto liegenlassen. Sie musste trinken und brauchte sicher auch irgendwann eine Toilette.
Aber viel wichtiger war, dass man sie vermissen würde. Ihr Auto zu finden, war nicht schwer und dann erinnerten sich vielleicht doch Zeugen an den Lieferwagen, der von dem verwilderten Grundstück des leerstehenden Hauses weggefahren war. Und sollte nur einer von denen auch nur einen Teil des Nummernschildes im Gedächtnis behalten haben oder irgendeine Straßenkamera hatte das Kennzeichen erfasst, war Dean geliefert. Verfluchter Mist!
Er musste die Frau im Haus verstecken und den Transporter loswerden. Während sein Gehirn arbeitete, lief er auf und ab. Nein, die Idee war nicht gut. Würde er mit dem Wagen durch die Stadt fahren und ihn irgendwo abstellen, war die Gefahr, erwischt zu werden, noch größer, denn er hatte ihn auf seinen Namen gemietet. Und wie sollte er die Frau zur Übergabe transportieren?
Er strich sich durch die Haare und schüttelte den Kopf. Jeder professionelle Verbrecher würde sich über seine dilettantische Planung totlachen.
Er griff erneut zum Smartphone und suchte im Internet nach Polizeimeldungen. Noch gab es keinen Fahndungsaufruf.
Vielleicht hatte er doch Glück gehabt und es hatte wirklich niemand etwas beobachtet. Es war schließlich früh am Morgen gewesen, als er die Ärztin entführt hatte, und in dieser Straße wohnte kaum noch jemand, seitdem der große Immobiliencrash den Menschen ihre Eigenheime genommen hatte. Deswegen hatte er diese Adresse ja ausgewählt.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass alles gut ging. Aber wo sollte er sie so lange lassen?
Er brauchte nicht lange zu überlegen. Der Fitnessraum im Untergeschoß neben dem Tonstudio, hatte kein Fenster, sondern nur eine elektrische Deckenlüftung. Und er enthielt eine Dusche und eine Toilette.
Er lief hinunter und holte Hanteln, Stangen und alles andere aus dem Raum, was man als Waffe benutzen könnte. Nach einer halben Stunde war er fertig, sah sich ein letztes Mal um und nickte zufrieden. Nur noch die fest installierten Geräte und das Laufband waren da. Damit würde sie nichts anfangen können, außer ihre Wut abzureagieren.
Er holte die Pistole aus dem Schrank im Tonstudio und steckte sie am Rücken in den Bund seiner Jeans. Bei ihrem Anblick blitzten Bilder aus seiner Jugend in seinem Kopf auf. Er war fünfzehn gewesen, als er das Ding auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte. Die Waffe sollte damals seine Lebensversicherung sein, doch er hasste sie von Anfang an und hatte sie nie benutzt. Auch jetzt war sie nicht geladen, er besaß nicht einmal mehr Munition dafür. Zum Glück wusste die Ärztin das nicht.
Er betrat die Garage, öffnete den Lieferwagen, packte sie um die Taille und zog sie mit einem Ruck zu sich heran. Sie stieß einen erstickten Laut aus, doch das beachtete er nicht. Er hob sie hoch und warf sie sich über die Schulter.
Es gab keinen Grund, behutsamer mit ihr umzugehen, sie war ja eine trainierte Kämpferin, wie er bereits zu spüren bekommen hatte. Außerdem schien sie nicht verängstigt zu sein, zumindest war das, aufgrund ihres stechenden Blickes und der gerunzelten Stirn, Deans vager Eindruck.
Er trug sie in seinen Trainingsraum und legte sie dort auf dem weichen Gummiboden neben der Sprossenwand ab.
„Halt still“, murmelte er und packte in ihre Haare, um ihr das Klebeband vom Mund zu reißen. Dann zog er den inzwischen durchnässten Knebel heraus, warf ihn zur Seite und trat einen Schritt zurück.
Sie hustete und leckte sich über die trockenen Lippen. „Was willst du von mir?“ Ihre Stimme war nur ein heiseres Flüstern, aber sie wirkte tatsächlich gefasst und nicht eingeschüchtert.
„Nichts. Das sagte ich bereits. Jemand anderes hat etwas mit dir zu besprechen.“
„Wer?“
„Das erfährst du noch früh genug.“
„Warum ausgerechnet ich?“
Er schnaubte spöttisch. „Das weißt du vermutlich besser als ich. Tu nicht so ahnungslos. In deinem … nennen wir es Metier“, er betonte das letzte Wort mit ironischem Touch, „macht man sich doch schnell Feinde.“
„In meinem Metier? Verdammt, ich bin Ärztin!“
Ihre Stimme funktionierte wieder und hörte sich nun sehr aggressiv an. Wäre sie wirklich nur eine harmlose Ärztin, müsste sie definitiv sehr viel ängstlicher sein. „Anscheinend ja nicht nur.“
„Immerhin bist du ganz sicher nicht nur Musiker.“
Dean seufzte. „Doch, das bin ich.“
Er richtete sich auf. „Du musst es ein paar Stunden lang hier aushalten. Ich befreie dich von den Fesseln, aber solltest du nur eine falsche Bewegung machen, wirst du verschnürt auf deine Weiterreise warten müssen. Außerdem warne ich dich davor, einen Angriff zu versuchen.“ Er zog die Waffe hervor, um sie ihr kurz zu zeigen, und steckte sie wieder weg. „Ich kann sehr gut damit umgehen und habe keine Hemmungen, das auch zu tun.“
Sie kniff für einen Moment die Lippen zusammen, nickte aber und schickte ein fast gleichgültig klingendes „Okay, verstanden“ hinterher. Eine Sekunde lang sah sie ihn ohne Scheu an, dann senkte sie den Kopf.
„Wie gut, dass wir uns einig sind.“ Verflucht, er konnte schon wieder nicht cool bleiben und begann, die Frau zu hassen. Irgendetwas hatte sie an sich, das seinen Körper, und seltsamerweise auch sein Herz, reagieren ließ, sobald sie ihn nur ansah. Sein Schwanz zuckte und er wollte ihre weiche Haut von den Fesseln befreien und das nicht nur wegen ihrer interessanten Augen. Das Eingeständnis ihrer Unterlegenheit ohne Zeichen der Panik und Angst, sondern eher wie nach einem Trainingskampf, bei dem ein Partner dem anderen bestätigt, besiegt worden zu sein, setzte etwas in seiner Brust frei, das er seit Langem nicht mehr gespürt hatte. Dieses mysteriöse Gefühl wollte ihn animieren, ihre Ergebenheit zu genießen und ihr gleichzeitig Vertrauen und Geborgenheit zu schenken.
Er hockte sich vor sie, griff in ihre Halsbeuge und half ihr in eine sitzende Stellung. Ihr weiblicher Duft, der nur durch die schwache Nuance eines Parfüms beeinflusst wurde, fiel ihm auf. Ihre Haut war warm und weich. Er wollte seine Nase in ihre Haare stecken, tief einatmen und mit seinen Fingern an ihrem Hals hinabstreichen, um mehr von ihrer Wärme zu fühlen.
Fuck! Was für bescheuerte Gedanken!
Er riss das Klebeband von ihren Händen und ließ sie schnell wieder los. Die Füße konnte sie sich selbst befreien. Sie hatte ja genug Zeit.
Er verließ den Raum und schloss ab. Es fühlte sich an, als ob er vor der Wirkung auf ihn flüchtete, und das machte ihn stinksauer. Oder floh er in Wahrheit vor seinem Gewissen? Verspürte er diese riesengroße, nicht greifbare Wut, weil er wusste, dass er sie ihrem Henker auslieferte?
Vielleicht rebellierte sein Unterbewusstsein, denn im Grunde wusste er, dass es nicht richtig war, was er tat.
Doch es ging um Sally, um das Leben seiner Schwester. Sobald sie frei war, konnte er sich der Polizei stellen und die konnte die Ärztin befreien. Ja, so könnte es gehen. Aber wollte er sich stellen, weil zwei verfeindete Mafia-Clans Probleme miteinander hatten? Weil Anthony ihn erpresste?
Er atmete tief durch. Die Grübelei brachte ihn nicht weiter.

***

Samantha atmete auf, als die Tür hinter ihrem Entführer zufiel und sie hörte, wie er einen Schlüssel im Schloss umdrehte. In seiner Gegenwart konnte sie nicht klar denken, denn seine Wirkung auf sie brachte sie aus dem Konzept.
Stöhnend rutschte sie an die Wand, um sich anlehnen zu können, sah sich um und lauschte. Sie befand sich in einem Trainingsraum ohne Fenster. Es gab nur künstliches Licht. Kein Geräusch drang an ihr Ohr. Anscheinend hatte er sich tatsächlich entfernt und sie allein zurückgelassen.
Was für ein seltsamer, vielschichtiger Mann. Er beeindruckte sie, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Im Krankenhaus hatte er eher heitere Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt, jetzt, als ihr Entführer, wirkten seine Gesichtszüge hart und verschlossen. Trotzdem hatte sie keine Angst vor ihm. Obwohl er sie entführt hatte, wollte sie einfach nicht glauben, dass er wirklich ein gefährlicher Verbrecher war. Irgendetwas in ihr sehnte sich sogar nach seiner Umarmung. Sie wünschte sich, dass er nicht ihr Feind wäre. Sie wünschte sich, in seiner Gegenwart schwach sein zu dürfen. Das war verrückt! Diesen deplatzierten Gefühlen durfte sie auf keinen Fall Raum geben. Vielleicht waren sie eine Art von Stockholm-Syndrom.
Während sie sich daran machte, das Klebeband von ihren Beinen zu entfernen, schaltete sie ihren Verstand ein, anstatt sich weiterhin von seltsamen Gefühlen verwirren zu lassen. Was waren die Fakten? Dieser Mann war leider kein irrer Triebtäter. Er duzte sie zwar plötzlich, was eine positive Entwicklung war, denn je vertrauter sich Täter und Opfer in einer solchen Lage wurden, desto höher wurde für den Täter die Hemmschwelle, dem Opfer etwas anzutun. Doch er wollte sie an jemand anderen übergeben. Er handelte also im Auftrag oder er wurde erpresst. Letzteres war durchaus möglich, denn warum sonst sollte ein gut verdienender Komponist zu einem Verbrecher werden?
Hatte ihre Entführung etwas mit Magnus’ Warnung zu tun? Gab es Verbindungen zwischen Dean Thomas und dem Mendoza-Clan?
Sie musste versuchen, mit ihm zu reden. Er wirkte selbstsicher und intelligent, wie jemand, mit dem man reden konnte. Wie jemand, der sich von stichhaltigen Argumenten überzeugen ließ, wie ein Mann, dem man trauen konnte, wie einer, bei dem sie die Sehnsucht verspürte, mit ihm auf der gleichen Seite zu kämpfen. Fuck, da waren sie schon wieder, die deplatzierten Gefühle. Ihr Instinkt, der ihr so oft die richtigen Impulse geschickt hatte, versagte in diesem Fall und gefangen in seinem Haus konnte es für sie lebensgefährlich werden, wenn sie sich von derartigen Gefühlen leiten ließe.
Verfluchter Mist, wo waren ihre Disziplin und Intelligenz? Sie musste mit ihm reden, durfte sich aber nicht von ihm einlullen lassen, nur weil ihre Hormone von der Idee angetan waren, sich mit seinen zu vereinen. Sie durfte sich nicht beeinflussen lassen, sie durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.
Er hatte sie entführt, um sie jemandem auszuliefern. Er tat das eventuell nicht aus freiem Willen, doch das machte für sie keinen Unterschied. Sie musste davon ausgehen, dass die Mafia ihre Finger im Spiel hatte, und damit bedeutete die Entführung ihr Todesurteil, egal was sein Antrieb war. Und das wusste er. Er war nicht maskiert, es interessierte ihn nicht, dass sie sein Gesicht kannte. Das konnte nur bedeuten, dass sie keine Chance mehr haben würde, ihn zu verraten. Einen anderen Grund gab es nicht. Sie musste versuchen, seine Motivation aus ihm herauszukitzeln, nur so konnte sie herausfinden, worum es hier ging.
Sollte man ihn erpressen, könnten sie sich zusammentun, eventuell sogar die Freunde auf Mallorca um Unterstützung bitten.
Und falls reden ihn nicht dazu bringen konnte, ihn auf ihre Seite zu ziehen, bestand wenigstens die Chance, dass ein Gespräch die eine oder andere Minute der Nachlässigkeit erzeugen würde, die sie nutzen könnte, um ihn zu überwältigen und sich selbst zu befreien.
Endlich. Das Klebeband war ab. Sie stand auf, schüttelte die Gliedmaßen und bewegte die Gelenke, um sie nach der langen Bewegungslosigkeit wieder zu aktivieren.
Dann sah sie sich um und achtete auf wichtige Details, wie sie es bei Magnus für den Fall einer Entführung gelernt hatte. Sie befand sich in einem Fitnessraum ohne Fenster, also vermutlich in einem Keller. Er war nicht viel größer als ihr Praxisraum im Haus von Magnus’ Finca und der hatte zwanzig Quadratmeter. Die Wände waren mit hellem Holz verkleidet, was eine angenehme Atmosphäre erzeugte. Die Beleuchtung funktionierte über in die Decke integrierte Spots. Ein paar Geräte standen herum und neben einer zweiten Tür waren drei Regalbretter angebracht, die jedoch leer waren. Es gab nichts, was man als Waffe benutzen könnte, selbst die Stromkabel waren unter Putz und damit unerreichbar.
Die zweite Tür war geschlossen, aber auf den ersten Blick nicht abschließbar. Statt einer Klinke verfügte sie über einen dekorativen schwarzen Knauf und es gab kein Schlüsselloch. Ein Abstellraum? Sie drückte gegen das Holz und die Tür schwang auf. Sie ertastete einen Lichtschalter an der Wand und tippte ihn an. Es war ein kleines, weiß gefliestes Bad mit einer Dusche.
Sie benutzte die Toilette, trank aus dem Wasserhahn am Waschbecken und spritzte sich Wasser in ihr Gesicht. Die kalte Flüssigkeit gab ihr frische Energie und davon konnte sie in ihrer Situation nicht genug haben, zumal sie allmählich müde wurde. Sie hatte schließlich eine anstrengende Nacht hinter sich. Außerdem knurrte ihr Magen. Während der Nachtschicht war keine Zeit gewesen, den Hunger zu stillen. Vielleicht hatte sie Glück und ihr Entführer gab ihr etwas zu essen, wenn sie ihn darum bat. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.
Sie ging zurück in den Fitnessraum, trat an die geschlossene Eingangstür, polterte mit den Fäusten dagegen und schrie, so laut sie konnte, um Hilfe. Es dauerte nicht lange, dann hörte sie Schritte. Vielleicht hatte sie Glück und es war die ahnungslose Haushaltshilfe. Nein, kein Glück, es war seine Stimme, die ein unwirsches „Hör auf zu schreien. Dich hört hier sowieso niemand.“ knurrte.