Wenn es dunkel wird im Märchenwald: Rapunzel
von Ivy Paul

Erschienen: 11/2017
Buchtyp: Novelle
Serie: Wenn es dunkel wird im Märchenwald

Genre: Contemporary Romance
Zusätzlich: Millionärsromanze, Vanilla

Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-285-2
ebook: 978-3-86495-343-9

Preis:
Print: 19,90 €[D]
ebook: 2,99 €[D]

Erhältlich bei u.a.:

und allen gängigen Onlinehändlern und im Buchhandel

Wenn es dunkel wird im Märchenwald: Rapunzel


Inhaltsangabe

Das Model Fiona MacGee, wegen ihres knielangen blonden Haares von der Presse "Rapunzel" genannt, soll Jurorin in einer neuen Beautyshow werden. Sie trifft auf Alan Roderick, Sprössling eines international agierenden Kosmetikimperiums, der sich sofort in ihre natürliche Erscheinung verliebt. Als die Visagistin und Hairstylistin Mona dahinterkommt, will sie die Rivalin um Alans Liebe ausbooten …

Auch als Sammelband mit vier weiteren Märchen-Adaptionen unter dem Titel "Wenn es dunkel wird im Märchenwald ... 3" erhältlich. 

Über die Autorin

Ivy Paul wurde 1975 in der schönen Patrizierstadt Augsburg geboren und lebt dort mit ihrer Familie.
Neben ihrer großen Leidenschaft dem Schreiben begeistert sie sich fürs Seife sieden, dem Anrühren duftender Cremes und der veganen Ernährung. Sie schätzt Whiskey, die...

Weitere Teile der Wenn es dunkel wird im Märchenwald Serie

Leseprobe

Die Sonne schien, als die Limousine vor dem Hintereingang der Fernsehstudios anhielt.

Fiona McGee blieb noch einen Moment auf der Rückbank sitzen, sammelte sich für das Bad in der Menge und das Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Dass sie Jurorin bei der Castingshow Britain’s Beauties sein sollte, hatte in der Presse eingeschlagen wie eine Bombe. Bis dahin war sie eher eine Randerscheinung gewesen, was das allgemeine Medieninteresse anging. Dabei war sie ebenso gefragt wie die anderen Modelgrößen der Branche. Nur eben in ihrem speziellen Segment.

Sorgsam legte sie ihren geflochtenen Zopf über die Schulter. So hatte sie bessere Kontrolle über ihr Haar, aber für gewöhnlich...

...vermied sie es, ihr Haar offen oder in einem Zopf zu tragen. Meist wagte sie sich nur in die Öffentlichkeit, wenn sie einen Dutt trug.

Noch einmal holte sie tief Luft und sah zum Chauffeur, der sie im Rückspiegel beobachtete, und nickte ihm ein „Dankeschön“ zu. Als wäre dies ein Signal gewesen, wurde in diesem Moment von einem Angestellten der Studios die Autotür geöffnet.

Sie stieg aus und schob sich die Sonnenbrille auf die Nase. So blendete die plötzliche Helligkeit sie nicht, und sie musste sich nicht über Fotos in der Presse ärgern, die sie mit Krähenfüßen und Grimasse darstellten.

„Rapunzel!“, riefen ein paar Stimmen, und irgendein Witzbold fügte dazu: „Lass dein goldenes Haar herunter!“

Dass man sie Rapunzel nannte, war sie nach all den Jahren gewöhnt, dass man deswegen Witze riss, ebenfalls. Stolz war sie auf den Grund ihres Spitznamens: üppiges goldblondes Haar, das ihr glatt und unfrisiert bis in die Kniekehlen reichte.

Sie hatte schon immer lange Haare besessen. Als sie dann in der Pubertät beschloss, auszuprobieren, wie lang ihr damals bereits taillenlanges Haar werden könnte, wenn sie es nicht schnitt, wuchs es zu ihrer Überraschung bis auf Oberschenkellänge. Beeindruckt von der Länge und dem gepflegten Haar, hatte ein Talentscout sie eines Tages angesprochen. Damit wurde ihre Karriere als Haarmodel begründet, und sie wurde rasch für ihr überlanges Haar bekannt, das, wie das ihrer Namensgeberin, im Sonnenschein wie goldene Seide glänzte.

Dass sie nun Teil der neuen Jury der beliebten Show des Senders EBC wurde, war der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere.

Sie bahnte sich, umgeben von einigen Bodyguards, die der Sender zur Verfügung stellte, den Weg durch die Reporter, Schaulustigen und Fans. Ihr Herz schlug schneller, und sie schenkte einem der Aufpasser, der eben in ihre Richtung sah, ein nervöses Lächeln. Er blinzelte nicht mal.

Fiona fragte sich, ob dies antrainiert war oder ob Personenschützer so geboren wurden – so gefühlsreduziert. Sie wandte sich ab und hielt inne, als ihr ein Mikrofon unter die Nase gehalten wurde.

„Fiona, was ist das Geheimnis Ihrer Haarpflege?“

Sofort schoss einer der Leibwächter herbei und drängte die Reporterin beiseite.

Erleichtert betrat Fiona das Gebäude des Fernsehsenders und wurde von einer Frau mit unzähligen blonden Kringellocken in Empfang genommen. Sie trug ein Headset und ein Klemmbrett in der Hand. „Miss McGee?“ Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Amy Tyler, die Disponentin. Ich bin für die Abläufe, Drehpläne und Termine zuständig. Ich soll Sie herumführen und einweisen.“ Sie warf den Bodyguards einen scharfen Blick zu, worauf diese sich umdrehten und davongingen. Sie lächelte Fiona zu. „Diese Pitbulls brauchen wir nicht. Bitte kommen Sie mit.“ Amy streckte auffordernd den Arm aus und Fiona fühlte sich sofort zu der selbstbewussten Frau hingezogen.

Amy führte Fiona durch die Halle. „Hier hat alles Ähnlichkeit mit einer gewöhnlichen Lagerhalle, nicht wahr?“, meinte sie munter. „Das kommt daher, dass hier alles angeliefert wird. Die Aufnahmestudios sind ein paar Minuten Fußweg entfernt am anderen Ende des Geländes, aber ich will Ihnen heute ja alles zeigen. Morgen können Sie durch den Vordereingang hereinkommen, wenn Sie wollen, dann fährt der Chauffeur zwar ein bisschen länger, doch dafür sind Sie sofort in den Studios“, plapperte Amy drauflos. „Die Abendshows werden übrigens im Voraus gedreht, die Finalshow ist allerdings live.“ Sie warf Fiona einen prüfenden Blick zu und hielt dazu endlich einmal inne, sodass Fiona die Chance hatte, die bisherigen Eindrücke und das Gesagte zu verarbeiten.

„Entschuldigung“, meinte Amy. „Ich rede und rede. Haben Sie Fragen, Fiona?“

Fiona zuckte mit den Schultern. „Was erwartet man von mir?“, wollte sie wissen.

„Ihr erstes Mal beim Fernsehen?“, fragte Amy interessiert.

„Das allererste Mal“, bestätigte Fiona, strich über ihren Zopf und überlegte, ob sie diesen wieder über den Rücken baumeln lassen sollte. Sie riskierte es. Man würde ihr schon nicht ausgerechnet hier den Zopf abschneiden oder sonst irgendwie zerstören.

Fiona hatte panische Angst davor, jemand könnte ihr einen Kaugummi ins Haar kleben oder das Haar einfach abschneiden, während sie in der U-Bahn fuhr oder Ähnliches. Dagegen war ihr Unbehagen Friseuren gegenüber fast schon unbedeutend. Coiffeure und sie waren natürliche Feinde.

Alle drei oder vier Jahre überkam sie das Verlangen, die Spitzen nachschneiden zu lassen. Diesem Bedürfnis gab sie dann nach, nur um hinterher jedes Mal zu schwören, nie wieder zu einem dieser sogenannten Haarkünstler zu gehen. Entweder wollte man ihr die supertollen Produkte andrehen, die im Laden standen, oder man versuchte, sie zu einer schicken Frisur zu überreden, die ja um so vieles schöner und unkomplizierter zu pflegen wäre als ihre aktuelle Haarmähne.

Besonders dreist waren die Versuche des letzten Friseurs gewesen, ihr weis machen zu wollen, sie habe Spliss bis zu den Schulterblättern hinauf und müsse unbedingt alles rausschneiden lassen. Da der Mann in den Nebenräumen eine Perückenmacherin sitzen hatte, war Fiona sofort klar gewesen, was der Mann im Schilde führte. Daraufhin war sie aufgestanden und gegangen, um noch in derselben Nacht eine superscharfe Haarschere aus einer Manufaktur in Japan zu bestellen, die den Ruf besaß, so scharfe Klingen zu schmieden, dass man mit ihnen sogar Stein schneiden könnte.

Mutig warf sie ihren Zopf über die Schulter, sodass er auf ihrem Rücken baumelte.

„Ihr Haar ist wirklich unglaublich“, meinte Amy bewundernd. „Für solches Haar würde sicher jede Frau töten!“

Fiona lächelte über das ernst gemeinte Kompliment. „Vielen Dank, aber Ihr Haar ist doch auch schön. Ihre Locken sehen toll aus! Sind das Naturlocken?“

Verlegen strich Amy über ihr eigenes Haar. „Ja, sind sie.“ Sie deutete in einen Gang, damit Fiona dorthin ging. „Sie wollten wissen, was Ihre Aufgabe ist. Sie sind Teil der Jury. Aufgrund Ihrer Karriere als Model können Sie die Bewerberinnen entsprechend Ihren Erfahrungen und Kenntnissen der Branche beurteilen. Ich denke, man wird Ihnen gegebenenfalls über den Knopf im Ohr Regieanweisungen erteilen.“

„Und wer sind die anderen Jurymitglieder?“

„Der Gottvater der Branche natürlich, Carl Kronberg von der Crown Models Agentur. Die Siegerin wird dann auch von ihm einen Vertrag in Aussicht gestellt bekommen …“

„Carl Kronberg“, rief Fiona beeindruckt aus. Sie war so weit über die Sendung informiert, dass zwei der Jury-Mitglieder in jeder Staffel wechselten. Dass Mr Kronberg ausgerechnet mit ihr Teil der Fernsehsendung sein würde, begeisterte sie, denn es war fast aussichtslos, an den Mann heranzukommen, der meist unerreichbar in seinem Elfenbeinturm saß.

„Ja, es hat uns alle überrascht, als er zusagte“, erklärte Amy stolz. „Dann haben wir wie immer Ludmilla Petrowja, die ehemalige Starfotografin, dabei und ausnahmsweise einen dritten neuen Mann: Alan Roderick.“

Fiona nickte höflich und versuchte, sich zu erinnern, wer dieser Alan sein mochte, da ihr weder ein Gesicht noch eine Verbindung zur Modelszene einfiel.

„Er ist nach dem Tod seines Bruders Patrick der Erbe von Powell Cosmetics.

„Wow“, entfuhr es Fiona. Wirklich eine illustre Runde. Powell Cosmetics war ein international agierender Kosmetikkonzern, so einflussreich und berühmt, dass ein Model, das zum Gesicht von Powell Cosmetics berufen wurde, ab da zwischen den verlockendsten und lukrativsten Jobs wählen konnte. Nicht wenige der Powell-Mädchen waren hinterher bekannte Namen in Hollywood geworden oder hatten es in der Modebranche an die Spitze geschafft.

„Wenn ich das sagen darf: Er ist, was solche Dinge angeht, genauso unerfahren wie Sie, Fiona“, verriet Amy mit gedämpfter Stimme.

Alan Roderick hatte sich in der Lagerhalle versteckt. Zwischen den Gabelstaplern und einigen übergroßen Tonnen gab es ein Plätzchen, wo er einen relativ guten Überblick über die Halle hatte, zugleich aber nicht gesehen werden konnte. Der Geruch von Motoröl, Abgasen und hart arbeitenden Männern weckte tröstliche Erinnerungen in ihm.

Tief zog er an seiner Zigarette, das einzige Laster, das er noch besaß und einfach nicht loswerden konnte, so oft er es auch versucht hatte. Letztes Jahr hatte er es dann aufgegeben und seinen Zigarettenkonsum wenigstens reduziert, sodass er täglich nur zwei oder drei Stück rauchte.

Er hasste es, hier zu sein. Eigentlich sollte die Geschäftsführerin des Familienkonzerns an dieser Freakshow teilnehmen, doch dummerweise hatte der Sender festgestellt, dass die Jury zu frauenlastig werden würde. Also musste Alan nun den Quotenmann geben.

Dabei hatte er mit der Branche überhaupt nichts am Hut. Zwar verlangten sein Vater und seine Stiefmutter, dass er sich nach außen so gab, als wäre er Teil des Ganzen, aber insgeheim verachtete er die gesamte künstliche Schönheitsbranche. Bis zum Tod seines Bruders Patrick war es ihm sogar gelungen, sich weitgehend aus allem herauszuhalten: keine Galaempfänge, keine Meetings, keine VIP-Partys.

Dann hatte sich der Trottel mit seiner Cessna um eine Bergspitze gewickelt und war in Flammen aufgegangen. Er und Patrick hatten sich nie nahegestanden und sich, ehrlich gesagt, nicht einmal leiden können. Wie das eben war, wenn man den langersehnten Bruder mit zwölf Jahren überraschend geliefert bekam und dieser sich als vier Jahre älteres, pubertäres Arschloch herausstellte.

Erneut zog Alan intensiv an seiner Zigarette. Die Glut leuchtet auf wie ein hart gespankter Glühwürmchenpopo. Seine Gedanken wanderten zurück in die Zeit, als er sechzehnjährig aus seinem gewohnten Umfeld, einer kleinen Farm in Wyoming, gerissen und nach London zu seinem ihm bis dahin völlig unbekannten Vater gezwungen wurde. Kurz zuvor waren seine Großeltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen, nicht lange nachdem seine Mutter an Krebs gestorben war. Rückblickend musste Alan zugeben, dass es auch für seinen Vater, dessen jetzige Frau Maggie und Patrick nicht leicht gewesen war, als sie plötzlich die Nachricht erhalten hatten, dass es einen Sohn aus einer Liaison gab, die, kurz bevor sein Vater Maggie kennen und lieben gelernt hatte, endete.

Alans Mutter hatte niemals vorgehabt, seinen Vater über Alans Existenz in Kenntnis zu setzen. Auch Alan hatte bis dahin nie gewusst, wer sein Erzeuger war. Aber dann stand er auf einmal vor ihm.

Leander Powell hatte ihn trotz allem mit offenen Armen empfangen, und Maggie, seine Stiefmutter, war einfach fabelhaft mit der Situation umgegangen. Erst im Nachhinein begriff Alan, was für ein verdammtes Glück er gehabt hatte, dass er Teil dieser Familie geworden war. Doch damals hatte Alan nur schwer damit umgehen können. Auch der abrupte Reichtum hatte ihn umgeworfen. Er, der zuvor für ein bisschen eigenes Geld in einer Autowerkstatt in Cedar Oaks malochen musste, hatte mit einem Mal mehr Taschengeld zur Verfügung, als seine Mutter und Großeltern in einer Woche verdient hatten. Eine Zeit lang hatte er diesen Umstand seinem Vater aus einer spätpubertären Laune heraus wirklich übel genommen. Obendrein psychisch aus dem Gleichgewicht wegen dem Tod von Mutter und Großeltern, war er in schlechte Kreise gerutscht, hatte Drogen konsumiert und wäre sicher abgestürzt, wenn da nicht seine Stiefmutter gewesen wäre, die um und mit ihm gekämpft hatte.

Sie hatte erkannt, wie hundsmiserabel es ihm unter der Maske aus Rebellion und Trotz tatsächlich ging und wie schwer es ihm fiel, sich in der Welt der Reichen und Schönen zu bewegen, und hatte ihn dabei unterstützt, sich aus allem herauszuhalten. Alle offiziellen Belange, die Leitung des Familienkonzerns, all das blieb die Sache Patricks, des Erben. Und dann war dieser überraschend verunglückt. Niemand konnte den Kummer und den Schmerz seiner Eltern besser nachfühlen als Alan, und nachdem er gebeten wurde, in einigen Fällen den Platz Patricks einzunehmen, wollte er sich nicht weigern. Und somit war er hier gelandet. In den zwei Stunden, die er sich im Studio aufhielt, hatte sich sein Nervenkostüm bereits mehr aufgerieben, als er gedacht hatte. Er war einfach kein Mann des Showbiz. Ihm ging das alles auf die Nerven. Außerdem wusste er nicht, was er in den Shows zu den Kandidatinnen sagen sollte, ohne sich oder seine Familie zu blamieren oder die Mädchen zu beleidigen.

Fraglos waren sie allesamt danach ausgewählt worden, möglichst perfekte, charakterlose, lebende Puppen zu sein. Diese angehenden Models sahen doch alle gleich aus und unterschieden sich lediglich in Haar- und Augenfarbe. Obendrein trugen die meisten einen Style, den Alan nur abfällig den Russische-Straßennutten-Look nannte. Nun, wenigstens das würde in der Show anders sein. Bestimmt verpassten die jeweiligen Stylisten jeder ein neues Aussehen. Schließlich konnte man unter identischen Kopien keine einer anderen vorziehen. Bei dem Gedanken langweilte sich Alan bereits. Doch es half nichts, er musste da durch.

Er knurrte unwillig, drückte seine Zigarette an der Wand aus und warf den Stummel dann in einen Mülleimer, der zwischen den halb abgesenkten Gabeln des Hubstaplers stand.

Alan wandte sich ab, bereit, sich wieder mit dem Regisseur, der Visagistin und all den anderen Leuten der Show abzugeben, da fiel sein Blick auf das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Eine echte Schönheit, die er als Allerletztes hier zu entdecken erwartet hätte.

Er verharrte in einer Mischung aus Demut und Anbetung.

Die Schöne war kaum geschminkt, soweit Alan das erkannte. Er bildete sich etwas darauf ein, zu bemerken, wann jemand Make-up trug. Zu seiner Überraschung tat das auch eine erstaunliche Anzahl Männer, und zwar nicht nur, wenn sie im nächsten Moment im Fernsehen zu sehen waren.

Ihre Augen waren von einem klaren hellen Blau, wie ein See in den Alpen, während ihre Haut so fein und weiß wie frisch geschlagene Sahne aussah und ihre rosenholzfarbenen Lippen leicht schimmerten. Sie war schlank, aber nicht so skelettschlank wie Models, und ihr Gesichtsausdruck wirkte interessiert und aufgeschlossen. Am faszinierendsten fand er jedoch ihr Outfit: Ein Holzfällerhemd, das sie gewollt unordentlich in ihre kurzen Shorts gestopft hatte, und knöchelhohe Docs, die nicht zugebunden waren und so die Lässigkeit ihrer Kleidung unterstrichen. Sie schien entspannt und so wenig eitel wie die Mädchen aus Wyoming, wenigstens die, die ihm im Gedächtnis geblieben waren. Sein Herz pochte schneller, und sein Blut machte sich auf den Weg in tiefere Regionen zu fließen.

Die junge Frau drehte sich um, bevor sie und ihre Begleiterin, die Disponentin, deren Namen sich Alan nicht merken konnte, in den Gang wechselten, der direkt zu den Studios führte. Alans Herz hüpfte aufgeregt, als er den dicken überlangen Zopf erkannte, der über den Rücken der Fremden baumelte. So etwas Prachtvolles hatte er noch nie gesehen: Haar von der Farbe und dem Glanz flüssigen Goldes und einer Länge, die schon märchenhafte Ausmaße hatte.

Er konnte nichts dagegen tun, aber er musste sich vorstellen, wie sein Schwanz von diesen Haarmassen umwickelt wurde, wie die seidigen Strähnen seinen Penis streichelten, wie er seine Nase und seine Finger darin vergrub, ihren Geruch in sich aufnahm, ihre Fülle ertastete. Allein der Gedanke machte ihn hart wie selten. Er verharrte in der Bewegung und zog sich wieder zwischen die Gabelstapler und Tonnen zurück. Es wäre ein Leichtes gewesen, jetzt zu den Frauen zu gehen und sich von der Disponentin vorstellen zu lassen. Aber er konnte unmöglich mit einer Latte wie ein Pubertierender vor der Unbekannten auftauchen. Wenn er ehrlich war, gefiel es ihm, ihre ungekünstelte Miene zu betrachten, und er wollte nicht herausfinden, ob sie, sobald sie erfuhr, wer er war, jenen Ausdruck bekam, den er so hasste: gierig und berechnend.

Er zögerte noch immer, als ihm jemand eine Hand auf den Rücken klatschte.