Stayaway Falls: Vernascht und verzaubert

Erschienen: 11/2016
Buchtyp: Novelle
Serie: Stayaway Falls
Teil der Serie: 1

Genre: Romantic Comedy, Sport Romance
Zusätzlich: Vanilla

Location: USA


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-279-1
ebook: 978-3-86495-280-7

Preis:
Print: 9,90 €[D]
ebook: 3,99 €[D]

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Stayaway Falls: Vernascht und verzaubert


Inhaltsangabe

Willa Bramble hätte es besser wissen müssen, als sich in einem Schneesturm zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung mit einer Ladung selbst gemachter Muffins, Cupcakes und Pralinen aufzumachen. Mitten im Nirgendwo bleibt ihr Wagen im Schnee stecken. Ihr Retter in der Not ist kein Ritter mit einem weißen Ross, sondern ein Grinch mit einem schwarzen SUV.

Kade McLean mag keine grauen Mäuschen, doch genau so eine steht gestrandet am Straßenrand. Kurzerhand verschleppt er Willa zur Weihnachtsfeier seines Rugbyclubs nach Stayaway Falls und stellt fest, dass er mehr von ihr naschen möchte, als nur ihre Leckereien.

Zwei Welten prallen aufeinander und der Schneesturm zwingt die beiden, mehr Zeit miteinander zu verbringen, als es ihnen zunächst lieb ist. Doch nach einer wilden Nacht voller Zauber und Zucker scheint alles möglich zu sein …

Über die Autorin

Linda Mignani wurde in Kirkcaldy (Schottland) geboren und lebt glücklich verheiratet im Ruhrgebiet. Schreiben und Malen zählen zu ihren Leidenschaften und beides hat erstaunlich viel gemeinsam. Frauenuntypisch besitzt sie nur eine Handtasche aber unzählige Turnschuhe und noch mehr Wanderschuhe, die...

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Leseprobe

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Zum Glück hatte er den SUV im Graben rechtzeitig bemerkt und seine Geschwindigkeit noch weiter verringert, sonst hätte er die wild fuchtelnde unförmige Frau überfahren. Wie dämlich konnte man denn sein? Er hätte so oder so angehalten, meinte die Fahrerin vielleicht, dass man hier Menschen einfach ihrem Schicksal überließ? Fluchend holte er tief Luft, und im Licht der Scheinwerfer wirkte sie wie ein graues Schaf, das seit Jahren einer Schur entkommen war. Sie war bestimmt jenseits der Wechseljahre und wäre eine gute Partie für Norman, den verstorbenen lüsternen Bürgermeister, gewesen. Er hatte es üppig gemocht.
Sie musste...

...aus einer Großstadt sein, denn kein Einheimischer würde sich so verhalten. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Kade hätte große Lust, sie an den Schultern zu packen und zu schütteln, bis es nichts mehr zu schütteln gab. Er wusste, dass es unfair war, aber jemanden zu überfahren, war wirklich nichts, was er erleben wollte, und beinahe wäre es geschehen. Sie traf seinen Blick, und er erfasste es bereits, ehe es geschah.
Nein! Nein! Nein! Sie brach lautstark in Tränen aus, heulte wie ein Wolfswelpe. Und es kam noch schlimmer! Sie fiel ihm um den Hals. Wie er das hasste! Weinende, hysterische Frauen, vor allem wenn sie sich nur so verhielten, weil sie beides selbst verschuldet hatten.
„Ich dachte … ich … ich … würde hier … sterben.“ Sie hatte eine unglaublich schöne Stimme. Das hörte er sogar zwischen dem ganzen Geschnüffel heraus. Kade starrte auf sie herunter, in dem Versuch, ihr ins Gesicht zu sehen, doch die voluminöse Kapuze verhüllte sie beinahe vollständig. Irgendwie war das passend, dass der Grinch auf den Grim Reaper traf, der seine Opfer fraß, ehe er sie ins Jenseits beförderte. Automatisch legte er die Arme um das Schaf und hielt es umfangen, bis es sich sichtlich beruhigte.
So wie sie sich anfühlte, trug sie sehr dicke Kleidung und musste deutlich jünger sein, als er zunächst angenommen hatte. Da er sie sowieso mit nach Stayaway Falls nehmen musste, denn ihre altertümliche Karre konnte nur ein Abschleppwagen befreien, brachte er sie zu seinem Jeep und öffnete die Beifahrertür.
Sie zögerte. „Ich muss meine …“
„Einsteigen! Oder wollen Sie erfrieren?“, blaffte er sie an. Er bereute es im selben Moment und holte tief Luft. Sie konnte nichts dafür, dass sein Tag ein blöder gewesen war, auch nicht, dass sie sich unvernünftig verhielt. Menschen in Stresssituationen reagierten oft unlogisch und das konnte man ihnen nicht vorhalten.
Jetzt endlich konnte er unter der Kapuze ihr Gesicht erkennen, und das war nett, nicht spektakulär, aber ganz anständig. Da sie sich immer noch nicht rührte, packte er sie am Ellbogen, bereit, sie auf den Beifahrersitz zu bugsieren. Als Guide auf Hikingtouren wusste er sich durchzusetzen und für irgendwelche Befindlichkeiten hatte er keine Geduld.
„Bitte, ich habe mehrere Tage …“
Er schubste sie und schlug die Beifahrertür zu. Sie machte tatsächlich Anstalten, wieder auszusteigen. Er sah sie so drohend an, dass sie förmlich erstarrte. Vielleicht war noch jemand in dem Auto! Anders konnte er sich ihr Verhalten nicht erklären. Er vergewisserte sich darüber, und sofern sie niemanden unter der Verkleidung im Kofferraum hatte, der dort gefesselt und geknebelt seine letzten Minuten verbrachte, war der SUV leer.
Er schaute dennoch genau nach und entdeckte die Boxen mit verschiedenen Cupcakes, Muffins und anderen Leckereien. Anscheinend war ihm ein langweiliger Weihnachtsengel im Schafskostüm ins Netz gegangen. Kurzerhand packte er alles in seinen Jeep, stellte anschließend den Motor des SUV ab und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Danach verriegelte er ihn. Sobald er in sein eigenes Auto eingestiegen war, bedankte sie sich bei ihm, drohte allerdings erneut in Tränen auszubrechen.
Kade mahnte sich zur Ruhe und holte tief Luft. Aus einer Eingebung zog er ihr die Kapuze runter. Braunes Haar kam zum Vorschein sowie blaue Augen und ein schön geschwungener Mund. Sie trug überhaupt kein Make-up. Er wusste selbst nicht, warum er das getan hatte, doch es war impulsiv geschehen.
Sie traf seinen Blick, ehe sie sich schüchtern abwandte, und ihr bleiches Gesicht nahm einen Hauch von Farbe an. Und dann bemerkte er, dass sie auf seine Beine schielte. Wenigstens bedeckte seine Jacke die anrüchigen Stellen!
„Ich bin Kade McLean und unterwegs zu einer Weihnachtsparty, daher die Strumpfhose. Man hat mich dazu verdonnert, als Grinch zu gehen.“
Sie sagte zunächst nichts, und er fragte sich bereits, ob sie die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte, als sie ihn erneut ansah.
„Willa Bramble und ich war eigentlich unterwegs zu einem Weihnachtsbasar in Lincoln.“
Lincoln? Da war sie aber sehr weit vom Weg abgekommen.
„Auf der 200 war eine Vollsperrung und dann ist auch noch das GPS ausgefallen …“ Sie presste die Lippen aufeinander, als dachte sie, dass es ihm lästig war, wenn sie redete.
Willa! Er sagte stumm ihren Namen und der Klang gefiel ihm.
„Von wo aus bist du losgefahren?“
„Ich wohne in Helena.“
„Und du wolltest dein Gebäck in Lincoln verkaufen?“ Er duzte sie einfach, schließlich hatte er ihr vielleicht nicht das Leben gerettet, aber ihr zumindest eine unangenehme Nacht erspart.
„Ja, der Erlös sollte morgen bedürftigen Familien zugutekommen.“
Eigentlich hatte er sie in der einzigen Pension in Stayaway Falls abliefern wollen, um sie schnellstmöglich loszuwerden, doch eine Idee formte sich in seinem Gehirn. Anscheinend wollte sein Unterbewusstsein sein barsches Verhalten ausgleichen.
„Ich nehme dich mit zur Weihnachtsfeier der Rugadoodles. Das ist unser Rugbyclub und du kannst dort deine Sachen verkaufen. Das Geld geben wir dann den Millers. Sie können es gebrauchen. Marsha ist allein mit drei Kindern. Ihr Mann ist vor ein paar Monaten an Krebs verstorben, und sie ist zu stolz, um Hilfe anzunehmen. Aber das wird sie nicht ablehnen können. Einverstanden?“
Er konnte sie auf der Party ohne Weiteres als Schaf einführen und jeder würde ihr das Kostüm abnehmen.
Das ist gemein, Kade.
„Wenn es Ihnen … dir keine Umstände macht.“
Er würde sie auf der Party abliefern, sie kurz vorstellen und war sich sicher, dass ihr alle das Gebäck aus den Händen reißen würde. Damit war seine Pflicht ihr gegenüber erledigt.
„Kein Problem.“ Er sparte sich den Vortrag, dass es mehr als leichtsinnig von ihr gewesen war, bei dem Wetter überhaupt einen Meter zu fahren. Offensichtlich kam sie aus einer Großstadt und nicht aus Montana. Ihr Schock war auch so groß genug. Er fuhr los und sie sagte freiwillig kein Wort. Im Grunde genommen sollte er es dabei belassen, aber ihm war seltsamerweise nach einer Unterhaltung zumute. „Verbringst du die Feiertage bei deiner Familie?“
„Nein.“
Das eine Wort stieß sie mit einer Traurigkeit aus, die ihn unerwarteterweise berührte. Er konnte ihre Einsamkeit förmlich spüren. Eigentlich sollte es ihm egal sein, doch er konnte nicht anders als nachzuhaken.
„Du bist nicht von hier. Bist du ohne deine Familie hierhergezogen?“ Möglicherweise hatte sie gerade eine Scheidung hinter sich oder gleich eine Reihe von gescheiterten Beziehungen. Das würde auch ihre Schüchternheit und ihren unscheinbaren Status erklären.
„Ich habe keine Familie mehr.“
Warum hatte er nicht die Klappe halten können? Während der Feiertage waren viele Menschen deprimiert und auch ihn hatte es schon einmal erwischt, als vor einem Jahr sein geliebtes Schäferhundmädchen Salsa eine Woche vor Weihnachten gestorben war. Wenn er an sie dachte, tat es noch immer weh. Wie musste sich Willa erst fühlen?
„Es tut mir leid, Willa.“ Er berührte sie kurz an der Wange, und sie zuckte nicht zusammen, stattdessen lehnte sie sich instinktiv in die Berührung. Das deutete darauf hin, dass Kuschelstunden nicht zu ihren Alltagsgewohnheiten zählten. Sie war nicht nur eine graue Maus, sondern eine verlorene und einsame dazu, also alles Eigenschaften, die er nicht mochte.
„Und du verbringst die Tage mit deiner Familie? Sie wohnen hier?“, fragte sie leise.
„Nur meine Schwester Bethany wohnt in Stayaway Falls, meinen Bruder hat es der Liebe wegen nach Nebraska gezogen. Und meine Eltern haben sich nach Florida abgesetzt.“
Prima, Kade. Erzähl ihr doch gleich deine ganze Lebensgeschichte!
Normalerweise war er für seine Einsilbigkeit bekannt, es sei denn, er fand sein Gegenüber sympathisch, und das war etwas, das er bei ihr nicht behaupten konnte. Er mochte selbstsichere Frauen, die zu ihrer Schönheit standen und die sich nicht unter Lagen von dicker Kleidung versteckten. Wahrscheinlich hatte sie einen Neuanfang gesucht und das war der Grund, warum sie nach Montana gezogen war. Andererseits war ihr Plan vielleicht nicht so schlecht, denn es gab eine ganze Reihe alleinstehender Männer in der Umgebung und da stellte Stayaway Falls keine Ausnahme dar. Allerdings waren die Eingeborenen nicht gerade für ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden bekannt. Kade fragte sich, ob er ebenfalls von diesem Virus befallen war. Auch das war ein Grund, warum sie neue Gesichter in der Stadt brauchten.
„Stayaway Falls?“, fragte Willa. „Das ist ein seltsamer Name für einen Ort. Klingt nicht besonders einladend.“ Zwischen den Silben hörte er heraus, dass sie schon ihre Erfahrungen mit dem Misstrauen der Alteingesessenen gemacht hatte. Da stellte sogar Helena keine Ausnahme dar, es sei denn, man war außerordentlich hübsch und präsentierte sich der Welt offen und kontaktfreudig. Nichts davon traf auf Willa zu, das konnte er bereits jetzt behaupten. Wenn sie wenigstens ihre Haare nicht in diesem hässlichen Zopf tragen würde. Ihm tat die Kopfhaut nur vom Hinsehen weh.
Bleibweg Wasserfälle, das war das, was Stayaway Falls bedeutete. Der Name war von den ersten Siedlern mit Bedacht gewählt worden, weil der ruhige Fluss Stay hinter einer Biegung urplötzlich in ein paar Wasserfälle überging. Viele von ihnen waren dort ertrunken oder verunglückt und hatten sich an den im Wasser liegenden Felsbrocken die Schädel aufgeschlagen. Doch die Zeiten waren zum Glück lange vorbei.
„Du wirst gleich selbst sehen, dass es ein sehr hübsches Städtchen ist, wie aus einem Thomas-Kinkade-Gemälde.“ Der Maler war für seine romantischen, malerischen Bilder bekannt, die seine Gegner als kitschig bezeichneten. Kade fand sie schön.
„Auch bei diesem Wetter?“ Zweifelnd sah sie ihn kurz an, ehe sie wieder starr nach vorn blickte. „Gibt es denn dort eine Übernachtungsmöglichkeit für mich?“
„Ja, das Stayfalls Keep. Eine schnucklige Pension mit wirklich hübschen Zimmern. Dort kannst du bleiben, bis sich das Wetter aufklart und James deinen SUV aus dem Graben ziehen kann.“
„James?“
„Ihm gehört die Werkstatt und er hat einen Abschleppwagen. Er ist auch auf der Party.“ So wie er James kannte, würde er Willa um den kleinen Finger wickeln. Er hatte diese Wirkung auf jede Frau, egal, wie verschlossen sie war. Kade verschwieg ihr, dass die Wetterwarnung vorhin noch verschärft worden war. Wenn sie Pech hatte, und es sah ganz danach aus, würde sie die Feiertage in der Pension verbringen. Allein und weinend. Doch das war dann nicht mehr sein Problem, sondern das von Rosa, der Stayfalls Keep gehörte.
Die nächsten Minuten fuhren sie schweigend. Kade richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Straßen. Die Flocken waren so dicht, dass sie eine hypnotische Wirkung besaßen und ihn das Gefühl erfasste, durch einen Tunnel zu fahren, der einen jeden Moment verschlingen konnte. Willas nervöses Atmen zerrte an seiner Geduld. Ob die Aufmachung als Grinch ihn negativ beeinflusste? Oder war er doch ein Riesenarsch?
„Keine Angst, ich kenne jede Kurve, und es dauert nur noch zehn Minuten, bis wir Stayaway Falls erreichen.“
„Das ist gut.“ Willa saß angespannt neben ihm und hatte die Finger beider Hände krampfhaft ineinander verschlungen. Aus einer Eingebung heraus legte er seine Hand auf ihre und drückte sie leicht. Eigentlich war es rein beruhigend gemeint, für sie, doch er spürte die Berührung überdeutlich. Das war höchst seltsam. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er glauben, dass er mit ihr flirten wollte, um die Nacht mit ihr im Stayfalls Keep zu verbringen.
Blödsinn!
Möglicherweise machte ihm doch ein Anflug von Weihnachtsblues zu schaffen, der in dem Moment verfliegen würde, an dem er das Stayhere Inn betrat. Dort fand die Kostümparty statt. Er umfasste das Lenkrad wieder mit beiden Händen. Sie fuhren gerade am Ortschild von Stayaway Falls vorbei, leider war die Inschrift durch den Schnee unlesbar. Nach ein paar Minuten erreichten sie die ersten Häuser der Hauptstraße und auch ihn ließ der Anblick nicht kalt. Schwarze elektrische Laternen, die eine Nachbildung aus dem alten London waren, säumten die Bürgersteige auf beiden Seiten. Die Geschäfte waren mit Tannengrün und Lichtern geschmückt. Blinkende Plastikrentiere und Weihnachtsmänner suchte man hier vergeblich, und falls es jemals jemand wagen sollte, eine derartige Monstrosität aufzustellen, würde er vor die Tore des Ortes gejagt werden, sehr wahrscheinlich im Adamskostüm. Manchmal waren Regeln sinnvoll. Kade liebte Stayaway Falls und diese Liebe war durch seinen Collegeaufenthalt in Houston nur weiter bekräftigt worden. Reumütig war er nach Hause zurückgekehrt. Hier wollte er leben und sterben.
Jetzt reicht es aber! Genug der schwermütigen Gedanken.
Die Hauptstraße mündete in einem Platz, auf dem ein antikes Karussell mit wunderschön bemalten Pferden und Kutschen stand, das zurzeit nicht in Betrieb war. Ein drei Meter hoher Weihnachtsbaum mit unzähligen Lichtern und Kugeln war durch das Schneetreiben kaum erkennbar, doch Willa stieß dennoch ein Seufzen aus. Sie konnte sich der Magie von Stayaway Falls nicht entziehen. An diesem Ort schien alles möglich zu sein. Sogar das starke Schneegestöber wirkte malerisch und keinesfalls bedrohlich.
Hoffentlich fing sie nicht wieder an zu weinen. Seine Sorge war jedoch unbegründet, denn sie drehte sich ihm zu, und er musste zugeben, dass sie ein wirklich strahlendes Lächeln hatte, das ihr Gesicht auf eine magische Weise veränderte. Vielleicht lag es daran, dass ihre Augen leuchteten und ihre Mimik weich wurde.
„Es ist wunderschön hier. So habe ich mir als kleines Mädchen immer meinen Traumort vorgestellt, ein Ort, an dem das Böse keine Chance hat. Und irgendwie hatte ich gedacht, dass Helena …“ Anscheinend war die Stadt nicht das, was sie sich erhofft hatte. Aber zwischen Stayaway Falls und Helena lagen Universen. Helena war schließlich eine Großstadt, auch wenn die Einwohnerzahl und Größe verglichen mit anderen Metropolen der USA gering war.
Er fasste nach Willas Hand und drückte sie. Am liebsten würde er sie jetzt küssen, ihren Nacken umfassen, seine Lippen auf ihren verführerischen Mund pressen und herausfinden, wie sie schmeckte. Kade schüttelte über sich selbst innerlich den Kopf. Stayaway Falls wirkte wie ein Zauber und vernebelte einem den Verstand. Willa würde ihm wahrscheinlich eine knallen, falls er sie so mir nichts, dir nichts bedrängte. Jedoch entzog sie ihm nicht ihre kleinen Finger, sondern erstarrte förmlich. Ihre Haut war so weich, dass ihm bewusst wurde, wie schwielig seine Handflächen im Gegensatz zu ihren waren. Eigentlich war es leichtsinnig von ihr gewesen, ihm gegenüber derart vertrauensselig zu sein, und er durfte ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Sie verdiente etwas Besseres als ihn. Wahrscheinlich war er beziehungsunfähig und hatte für sich selbst die Entschuldigung konstruiert, dass noch nie die Frau für mehr dabei gewesen war. Doch Willa war sicherlich keine Partnerin, mit der er alles oder nichts ausprobieren wollte. Kade zog seine Hand zurück und legte sie ans Lenkrad. Er verlangsamte das Tempo, um einen Parkplatz zu ergattern, die allerdings fast alle belegt waren. Am Eingangsbereich war bei den Wetterbedingungen natürlich keiner mehr frei. Er hielt dennoch direkt vor der Tür.
„Lass uns erst einmal ausladen und dich ins Warme kriegen.“
Und dich an jemand anderes loswerden, damit ich wieder zu Verstand komme. Das ist der Plan, von dem ich nicht abweichen werde!
Anscheinend ahnte sie, was er dachte, da die Weichheit aus ihrer Mimik verschwand und die Traurigkeit zurückkehrte. Kade holte etwas von dem Grinch in sein Herz, denn schließlich hatte er keine Lust, sich den Abend von einer grauen Maus … Schaf, was auch immer, verderben zu lassen. Nein, der Tag war bisher nicht nach seinen Wünschen verlaufen, und das gedachte er ab dieser Sekunde zu ändern. Er stieg aus und öffnete den Kofferraum. Willa stand bereits neben ihm, und sie war wirklich klein, gerade mal einssechzig, schätzte er. Ein weiteres Merkmal, das ihn eigentlich nicht ansprach. Er liebte Frauen mit langen Beinen, die sie um seine Taille drapierten, während er sie fickte. Willa würde es so eben schaffen, ihre Fersen in seine Arschbacken zu bohren. Apropos Sex! Bei seinem Kostüm war es angeraten, den ganzen Abend nicht daran zu denken, denn ansonsten würde er sich in eine noch peinlichere Lage bringen, als es sein Outfit ohnehin mit sich brachte. Zudem bestand die Gefahr, dass er dann der nächste YouTube-Hit wurde. Seine Sportkollegen waren nicht zimperlich, und er brauchte sich keine Hoffnungen zu machen, dass sie das geringste Mitleid mit ihm zeigten oder ihn auch nur ein bisschen verschonen würden.
Er übernahm den größten Teil der Ladung, und wenn sie das alles allein gebacken hatte, musste sie tagelang dazu gebraucht haben. Vermutlich kompensierte sie damit ihre Einsamkeit. Was er durch die durchsichtigen Deckel erspähen könnte, sah äußerst professionell und verflucht lecker aus. Waren das etwa Champagnerpralinen? Was Willa wohl beruflich machte?
Wieso willst du das wissen? Das kann dir doch scheißegal sein.
Aus einem unerfindlichen Grund war es das jedoch nicht. Anscheinend steckte sehr viel mehr in ihr, als auf den ersten Blick ersichtlich war.
Sobald sie durch die Tür traten, war es warm und behaglich. Sie stapelten alles auf dem Tisch, der im Eingangsbereich neben einer geschmückten Tanne stand, vor der die ganzen hübsch verpackten Geschenke für die Tombola lagen. Jedes Mitglied der Rugadoodles hatte etwas gespendet. Kade musste noch immer grinsen, als er an seinen Gewinn vom letzten Jahr dachte. Er hatte für dreihundert Dollar die ersten drei Teile der Federzirkelserie erworben. Aber wie hätte er ahnen sollen, dass sich unter dem silbernen Geschenkpapier mit der blauen Schleife ein derartiger Schatz verbarg? Er hatte zwar keinen Beweis dafür, doch er vermutete, dass es Ethan gewesen war, der sich diesen Scherz erlaubt hatte. Ethan war der Leiter der Feuerwehr für den Bezirk, allerdings war sein ersteigertes Paket auch nicht besser gewesen: Spitzenschuhe und ein Tutu, beides pinkfarben und mit Strasssteinen versehen.
Wenn man vom Teufel sprach! Ethan war die rauere Version des Sonnyboys von Stayaway Falls und sein Blick landete direkt auf Willa. Kade bemerkte mit steigendem Entsetzen, dass ihm das gar nicht gefiel. Außerdem musste er zugeben, dass Ethan als Thor eine wirklich gute Figur abgab. Und er würde seinen Hammer nicht in der Hose lassen, sollte er die Gelegenheit dazu bekommen. Kade stellte sich etwas seitlich vor Willa, und Ethan hob amüsiert die Augenbrauen, was seinem Aussehen keinen Abbruch tat. Obendrein zeigte er keinen Respekt, sondern trat Kade beinahe auf die Füße, als er sich neben ihn drängelte, um an Willa heranzukommen. Kade bekam keine Chance, Ethan vorzustellen, denn der brünstige Gott tat das selbst.
„Ethan Harper.“ Er nahm Willas zarte Finger in seine und presste seine garstigen Lippen auf ihren Handrücken.
Kade drehte sich ihr zu. Er fasste es nicht, dass Ethan vor nichts zurückschreckte, auch nicht, dass Willa bis in die Haarspitzen errötete. Außerdem hatte sie in der Zwischenzeit das Zelt von einer Jacke abgelegt, und obwohl der graue Fleecepullover viel zu weit war, war es ihre Jeans nicht. Das, was darunter lag, was es durchaus wert, näher betrachtet zu werden. Und wie ihr Haar glänzte!
„Willa Bramble“, hauchte sie. Um Kades Nerven weiter zu strapazieren, machte sie keine Anstalten, sich von Ethan zu lösen. Offensichtlich war seine erste Einschätzung von ihr mehr als falsch gewesen. Perfekt! Jetzt gesellte sich auch noch Dex dazu. Er war der frisch gewählte Sheriff von Stayaway Falls und sein Jon-Snow-Kostüm unterstrich seine breiten Schultern. Winter is coming! Er war zu einem Achtel Cherokee, und wenn Kade eine Frau oder schwul wäre, würde er ihn zum Anbeißen finden.
Dex trug ein strahlendes Lächeln zur Schau und blieb neben ihnen stehen. Auch seine ganze Aufmerksamkeit galt Willa.
Man könnte meinen, dass sie allesamt auf einer einsamen Insel leben würden und seit Wochen keine Frau mehr gesehen hatten.