Ein Herz voller Erinnerungen

Erschienen: 02/2017

Genre: Contemporary Romance
Zusätzlich: Vanilla

Location: England, London

Seitenanzahl: 212


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-269-2
ebook: 978-3-86495-270-8

Preis:
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ebook: 3,99 €[D]

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Ein Herz voller Erinnerungen


Inhaltsangabe

Seit Jahren trauert Reese Taylor um seine große Liebe Melody, die bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommen ist. Flüchtige sexuelle Abenteuer bringen nur kurze Ablenkung in seine Einsamkeit und Trauer. Eines Tages trifft er zufällig Melodys Cousine Faith wieder und fällt aus allen Wolken: Die kleine Nervensäge mit den Rattenschwänzen ist zu einer bezaubernden jungen Frau herangewachsen.

Faiths sonniges Gemüt fasziniert den erfahrenen Anwalt und gegen seinen Willen entwickelt er Gefühle für die hinreißende junge Frau. Doch Melodys Schatten und der Altersunterschied zwischen Reese und Faith machen eine Beziehung scheinbar unmöglich ...

Über die Autorin

Die Autorin wurde 1977 in einer schwäbischen Kleinstadt geboren und lebt heute glücklich mit Mann und Kind in einem idyllischen Dörfchen nahe der Donau. Lange Jahre arbeitete sie als Erstkraft in der Parfümerie einer Einzelhandelskette. Ein Beruf, den sie für...

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Leseprobe

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Ich kam mir langsam vor wie ein Teenager, der gerade dabei war, seine ersten Erfahrungen mit der Frauenwelt zu machen, und immer mit gespannter Hose herumlief. Es wurde täglich schlimmer, doch unsere gemeinsame Vergangenheit hielt mich davon ab, mich ihr zu nähern. Unsere Treffen blieben streng platonisch, obwohl ich nicht übersehen konnte, wie sehr sie mich ebenfalls begehrte. Mir waren ihre sehnsüchtigen Blicke keineswegs entgangen. Aus diesem Grund fiel es mir doppelt schwer, sie nicht einfach zu verführen.
Ein weiterer Faktor, der mich zögern ließ, war unserem Altersunterschied geschuldet. Beinahe sechzehn Jahre. Himmel, biologisch betrachtet hätte...

...ich ihr Vater sein können. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen, die Unterschiede würden nach dem ersten Rausch immer stärker in den Vordergrund treten. Schon beim Thema Musik drifteten unsere Vorlieben meilenweit auseinander. Wenn sie neben mir im Wagen saß und Songs aus den aktuellen Charts mitsang – alles Titel, bei denen sich mir die Nackenhaare sträubten – spürte ich jedes verfluchte Jahr, das uns voneinander trennte. Also hielt ich mich in sexueller Hinsicht zurück und begnügte mich weiterhin mit der platonischen Variante unserer Freundschaft, weil ich mich nicht dazu durchringen konnte, die Verabredungen mit ihr einzustellen. Sie tat mir zu gut. In ihrer Gesellschaft dachte ich nie an Melody. Da gab es keinen Schmerz und keine Trauer mehr, kein „Was wäre gewesen, wenn sie damals überlebt hätte“, sondern nur spontane Fröhlichkeit und Spaß. Das immer stärker werdende sexuelle Verlangen nach ihr unterdrückte ich einfach, weil ich dieses neue Lebensgefühl nicht missen wollte.
Heute stand Kino auf dem Plan. Ursprünglich sollte ich Faith in der Klinik abholen, da ich aber noch im Büro festhing, hatte ich ihr vorgeschlagen, hier vorbeizukommen, damit wir nicht unnötig Zeit verloren. Während eines Telefonats mit einem zukünftigen Mandanten hörte ich ihre Stimme aus meinem Vorzimmer. Sie unterhielt sich mit Phyllis, die in groben Zügen über meine Vergangenheit mit Faith informiert war und einen regelrechten Narren an ihr gefressen hatte, seit sich die beiden kennengelernt hatten. Mittlerweile bereute ich es fast, sie einander vorgestellt zu haben. Seither nervte mich meine übereifrige Sekretärin ständig mit blöden Bemerkungen über den Liebreiz der Jugend und erfahrene Männer. Wäre sie für mich nicht so unersetzlich gewesen, hätte ich Phyllis dafür in hohem Bogen rausgeschmissen. Während die beiden draußen plauderten, konnte ich mich kaum noch auf mein eigenes Gespräch konzentrieren. Endlich hatte ich alles Notwendige geklärt und legte auf, um ohne weitere Verzögerung nach nebenan zu gehen. Die beiden hörten mich nicht kommen, und ich konnte Faiths Anblick genießen, während sie sich unbeobachtet wähnte. Es war nicht okay, sie mit meinen Blicken zu verschlingen, aber verflucht … sie war einfach zu süß, zu anziehend, um es nicht zu tun.
Faith saß mit ihrem Hintern auf dem Rand von Phyllis’ Schreibtisch. Sie trug schlichte dunkelblaue Jeans und einen flauschigen hellblauen Pullover mit V-Ausschnitt, der eng an ihrem Oberkörper anlag. Eigentlich kein besonders aufregendes Outfit, genau richtig fürs Kino, doch bei ihrer Wahnsinnsfigur hätte sie auch einen unförmigen Kartoffelsack anziehen und mir den Atem rauben können. Ihr braunes Haar trug sie lässig hochgesteckt, ein paar einzelne Strähnen umrahmten ihr hübsches Gesicht mit den rosa Lippen. Ihr biegsamer Hals lag frei, die durchscheinend blasse Haut schimmerte einladend. Faith strahlte zurückhaltenden Sex-Appeal aus und mir stockte bei ihrem Anblick nicht zum ersten Mal der Atem. Ich musste bei dem Versuch, ein sehnsüchtiges Aufstöhnen zu unterdrücken, ein Geräusch verursacht haben, denn die beiden wandten gleichzeitig die Köpfe in meine Richtung. Faiths Wangen röteten sich, sobald ihr Blick auf meinen traf. Es war Phyllis, die zuerst etwas sagte.
„Ah, da ist er ja! Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, es wird nicht lange dauern.“
Räuspernd versuchte ich, meine Anspannung loszuwerden, und lächelte charmant.
„Sieh mal einer an. Welch jugendlicher Glanz in meinem Büro“, sagte ich flirtend. „Wie komme ich zu der Ehre?“
Faiths dunkle Augen strahlten mich an. Ich musste mich schwer zusammenreißen, um meinen unverbindlichen Gesichtsausdruck nicht zu verlieren, als sie mir antwortete.
„Oh, ich habe heute ein Date mit einem ziemlich attraktiven Anwalt.“ Sie warf mir einen eindeutig koketten Blick zu. „Ich konnte ihn dazu überreden, mit mir ins Kino zu gehen.“
„Kino mit einer Frau“, murmelte ich kopfschüttelnd und unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. „Wie überaus mutig“, ergänzte ich.
Faiths Lippen zuckten. Sie dachte genau wie ich an das verbale Gerangel, bis wir uns auf einen Film festgelegt hatten. Leider nicht zu meinen Gunsten. Es war ihr gelungen, mich weichzukochen. Wir würden wir uns „Ein ganzes halbes Jahr“ zu Gemüte führen. Ein Film, den ich mir unter normalen Umständen niemals angesehen hätte. Ich fuhr eher auf gute Politthriller oder Actionfilme ab, irgendwas Männliches eben. Mich einen Abend lang mit der Verfilmung eines Frauenromans foltern zu lassen, entsprach nicht meiner Vorstellung von guter Unterhaltung. Nicht mal Melody hatte es geschafft, mich in solche Streifen zu schleppen. Wie es Faith gelungen war, mich dazu zu überreden, konnte ich mir immer noch nicht logisch erklären. Nachdem ich einmal zugesagt hatte, konnte ich keinen Rückzieher mehr machen, ohne mein Gesicht zu verlieren oder sie zu enttäuschen. Letzteres wollte ich auf gar keinen Fall. Vielleicht konnte ich ja heimlich meine Kopfhörer aufsetzen und Musik hören …
Faiths melodische Stimme nahm mich wieder gefangen. „Ja, ich werde dich mit dieser fürchterlich traurigen Liebesschnulze quälen und hoffen, dass du danach noch mit mir redest.“
Wenn sie sich so zwanglos und keck gab, konnte ich ihr erst recht nicht widerstehen, also schlug ich einen ähnlich lockeren Tonfall an.
„Dann solltest du hoffen, dass ich ein Gemüt aus Teflon besitze und den Abend ohne nennenswerte Folgen überstehe“, antwortete ich gutmütig und wurde mit einem noch breiteren Lächeln belohnt. Ich konnte mich nicht davon abhalten, Faiths volle Lippen zu fixieren. Sie sahen so unfassbar weich aus. Meine Finger zuckten, weil ich die Hand heben und sie mit den Fingerspitzen berühren wollte.
„Ich sorge dafür, dass du es überlebst“, meinte sie leichthin und rutschte von der Tischkante. Sie kam auf mich zugelaufen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass mich ihr zurückhaltender Hüftschwung wahnsinnig machte?
Ich unterdrückte den Impuls zurückzuweichen, als mir eine Welle reiner sexueller Begierde entgegenschlug. Ich spürte die intensive körperliche Anziehung zwischen uns mit jedem Meter, den sie zurücklegte, noch intensiver. Heute war es schlimmer als sonst, wie ich besorgt feststellen musste. Dennoch ließ ich zu, dass sie sich bei mir unterhakte. Mit leicht zurückgebogenem Kopf blickte sie zu mir auf. „Also, wie sieht’s aus? Bist du soweit?“
„Ready when you are“, imitierte ich Simon Cowell und griff automatisch nach Faiths zarten Fingern, die sich auf Höhe meines Ellenbogens in den Stoff meines dunklen Jacketts bohrten. Phyllis tat so, als würde sie geschäftig irgendwelche Unterlagen ordnen. An ihrer Haltung erkannte man, dass sie trotzdem aufmerksam zuhörte. Ihr gefiel es, dass Faith mein Leben auf den Kopf stellte. Sie hielt das Auftauchen von Melodys Cousine für einen Wink des Schicksals und lag mir ständig damit in den Ohren, dass man sein Glück beim Schopf packen musste, bevor es zu spät war. Jetzt drehte sie den Kopf und musterte mich eindringlich. Dabei ruhte ihr Blick bedeutungsvoll auf unseren ineinander verschlungenen Fingern. Unschwer zu erkennen, mit welchem Wohlwollen sie diese recht intime Geste aufnahm und wie sehr sie sich wünschte, ich würde endlich einen Schritt weitergehen. Sah sie denn nicht, dass es in einer Katastrophe enden würde? So wie all meine anderen Beziehungen.
Räuspernd versuchte ich, meinen Ärger über Phyllis stumme Einmischung auszublenden. Sie hatte mit den Jahren unserer Zusammenarbeit den Part einer mütterlichen Freundin eingenommen und wollte nur mein Bestes, doch ich hasste allein den Gedanken daran, dass eine andere Frau Melodys Platz in meinem Herzen einnehmen könnte. Faith war auf dem besten Weg dazu, trotz der bislang rein platonischen Freundschaft, und das jagte mir eine Heidenangst ein. Ein Teil von mir lebte seit Melodys Tod in ständiger Dunkelheit, und ich wollte nicht riskieren, Faith unglücklich zu machen, nur, weil ich mich nach der Sonne sehnte.
Ich entschied mich, ganz locker zu bleiben, und kniff Faith in die Wange. So, wie es ein lieber Onkel bei einer Nichte getan hätte. Dabei fing ich Phyllis Blick auf und amüsierte mich insgeheim über das lange Gesicht, das sie bei meiner eher väterlichen Geste zog.
Geschieht dir recht, du alte Kupplerin, dachte ich schadenfroh und zwinkerte Faith zu.
„Wenn wir uns beeilen, schaffen wir noch die erste Vorstellung.“
„Klasse, ich freu mich so“, flüsterte sie mir leise zu.
Ihre Wangen röteten sich zart. Ein wirklich bezaubernder Anblick. In meiner Brust machte sich eine mittlerweile vertraute Wärme breit. Meine Lippen verzogen sich ganz automatisch zu einem Lächeln. „Dann lass uns gehen.“

Drei Stunden später liefen wir durch die Londoner Innenstadt. Die Straßenlaternen und die hell beleuchteten Schaufensterauslagen sorgten dafür, dass die Umgebung trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit taghell wirkte. Also keine Chance für Faith, ihr verheultes Gesicht zu verstecken. Ganz offen amüsierte ich mich über ihren aufgelösten Zustand und reichte ihr auf dem Weg zu meinem Wagen ein Taschentuch, damit sie sich die Nase schnäuzen konnte.
„Hier, ich glaube, das kannst du brauchen.“
Sie warf mir unter ihren verklebten Wimpern einen leicht beleidigten Blick zu, nahm das Papiertuch aber an sich. „Also ehrlich, Reese. Ich finde es nicht sehr nett von dir, dass du mich auslachst“, beschwerte sie sich und zog die Nase kraus. „Hat dich der Film denn gar nicht berührt?“
Endlich erreichten wir die Tiefgarage, in der ich meinen Mercedes abgestellt hatte.
„Sagen wir mal so“, fing ich an und bezahlte nebenher die Gebühr fürs Parken. „Wenn Menschen, die ein solches Schicksal tragen, ihr Problem auf diese Weise lösen würden, stellt das den Wert des Lebens eines jeden Behinderten infrage. Lassen wir die romantische Liebesgeschichte mal außen vor und nehmen uns den Kern des Filmes vor. Für mich beinhaltet der Film eine Botschaft, die ich für sehr gefährlich halte. Es gibt durchaus Schwerbehinderte, die ihr Leben trotz Schmerzen und erheblichen Schwierigkeiten lieben.“
Erstaunt sah sie mich an und folgte mir in den Aufzug. Wir waren allein.
„Du hast natürlich recht, aber das ist immer eine Einzelfallentscheidung und zumindest in Bezug auf diesen Film empfinde ich das anders“, antwortete sie resolut und hob eine Spur trotzig den Kopf.
Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Faith diskutierte gern, was mir nicht wirklich etwas ausmachte. Ich respektierte ihre Sicht auf das Leben und versuchte, einige Dinge durch ihre Augen zu sehen. Mein eigener Blick wurde durch zu viele negative Erlebnisse verfälscht, deswegen fand ich ihren Optimismus und ihre Art, nicht alles so wahnsinnig kompliziert anzugehen, sehr bereichernd.
Die Türen öffneten sich und wir traten in die menschenleere Parkebene.
„Und wie genau siehst du das?“, fragte ich lässig und drückte die Fernbedienung des Wagens. Wir stiegen ein, schnallten uns an.
Sobald ich aus der Parkgarage fuhr, sprach sie weiter. „Du betrachtest das zu einseitig“, erklärte sie.
„Tatsächlich?“
Während ich mich in den fließenden Verkehr einreihte, warf ich ihr einen kurzen Seitenblick zu, ehe ich ihn wieder auf die Fahrbahn richtete.
„Ja“, fuhr sie fort. „Es gibt einen Unterschied zwischen wertvoll und lebenswert. Das meine ich. Natürlich ist jedes Leben wichtig und einzigartig, wenn aber ein Mensch für sich selbst entscheidet, dass das Leben eine Qual für ihn darstellt und andere Dinge … die Liebe zum Beispiel … das nicht mehr aufwiegen können, dann dürfen wir ihn nicht dafür verurteilen, wenn er eine Lösung für sich sucht, die seine Qualen beendet. Wir sind Individuen, unsere Gefühle und unsere Wünsche sind nicht fremdgesteuert, wir entscheiden selbst, was wir wollen. Ich finde das wichtig und das sollte auch jedem erlaubt sein. Ich sehe in meinem Beruf immer wieder Menschen, für die es manchmal ein Segen wäre, wenn man sie einfach gehen lassen würde. Das Gesetz verhindert, dass sie so entscheiden können. Ich bin mir nicht sicher, ob das richtig ist.“
„Und wenn derjenige gar nicht mehr dazu in der Lage ist, das zu entscheiden?“, wandte ich ein und dachte an meine eigene Situation vor zehn Jahren zurück. Noch heute lief es mir eiskalt den Rücken runter. Nach Melodys Tod wäre ich ihr am liebsten gefolgt, ich sehnte mich danach, einfach alle Lichter auszuknipsen, nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu fühlen.
Es kam der Hölle auf Erden gleich, mit dem Wissen zu leben, Mel nicht mehr berühren, riechen und schmecken zu können. Nur meinem besten Freund George war es zu verdanken, dass ich damals meinem Leben kein Ende gesetzt hatte. Er ließ mich nicht aus den Augen, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. Heute war ich froh darüber. Ich wollte leben, und ich fand es im Nachhinein erschreckend, wie schnell man in ein tiefes Loch fallen konnte, aus dem man ohne Hilfe nicht mehr hinausfand.
„Reese, die Ampel!“
Faiths Schrei brachte mich zur Besinnung. Ich bremste gerade noch rechtzeitig ab und sah sie entschuldigend an. Mit zitternden Fingern fuhr ich mir durchs Haar. „Verzeih mir, ich …“ Meine Stimme brach. Verfluchte Scheiße, vor lauter Nachdenken hätte ich uns beide um ein Haar in Lebensgefahr gebracht, indem ich eine rote Ampel überfuhr.
Faith wusste auch so, was los war. „Du hast an Melody gedacht, nicht wahr?“
Sie legte den Finger direkt auf die Wunde. Ich wollte dieses Thema heute Abend nicht weiter erörtern.
„Ja, und ich kenne den Unterschied zwischen wertvoll und lebenswert. Ich weiß, dass jeder sein Leben schätzen und es nicht grundlos wegwerfen sollte, allerdings gibt es Situationen, in denen man genau das nicht mehr schafft.“
„Dann kannst du die Entscheidung ein wenig nachvollziehen?“
Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis ich begriff, dass sie immer noch vom Film sprach.
Ich räusperte mich, ehe ich ihr antwortete. „Teilweise. Wenn ich einen Unfall hätte und meine Selbstständigkeit komplett einbüßen müsste, wäre es verdammt schwer, genug Lebenswillen aufzubringen, um jahrelang weiterzumachen. Trotzdem könnte ich niemals so entscheiden wie dieser Will im Film, weil ich im Gegensatz zu ihm genau weiß, wie es den Menschen ergeht, die zurückbleiben. Welchen Schmerz sie empfinden, welchen Verlust. Und weil es nie aufhört.“ Ich holte tief Luft. „Melody fehlt mir immer noch jeden verdammten Tag“, brach es dann aus mir heraus. „Manchmal wache ich morgens auf und wenn ich nicht richtig klar im Kopf bin, denke ich nicht daran, dass sie tot ist, und strecke die Hand nach ihrem warmen Körper aus. Der Platz ist leer und kalt, und mir wird klar, dass ich sie nie wiedersehen werde. Es ist, als würde sie immer wieder aufs Neue verlieren. Und das quält mich, obwohl ihr Tod schon zehn Jahre her ist.“ Faith schwieg betroffen, es herrschte eine unerträgliche Stille im Wagen, ehe sie zitternd ausatmete und auf die Ampel deutete. Hinter uns hupte bereits ein Auto.
„Es ist wieder grün“, teilte sie mir mit. Sie flüsterte, als hätte ihr meine ehrliche Antwort die Stimmkraft genommen.
Es war mir unangenehm, so viel über mich verraten zu haben oder vielmehr über den Schmerz, der nach wie vor in mir brannte. Eine ewige Flamme, die nie erlosch.
Mein Fuß senkte sich aufs Gaspedal, der Wagen glitt fast geräuschlos durch die nächtlichen Straßen, bis ich Balham im Londoner Westen erreichte. Das Bild dort wurde geprägt von hässlichen Sozialbauten, die aussahen wie menschliche Käfige. Dass Faith in einem solchen Ding wohnte, behagte mir nicht, ich äußerte mich aber nicht dazu, weil ich sie nicht in Verlegenheit bringen wollte. Als angehende Krankenschwester verdiente sie praktisch nichts, und da sie ihre Lebenshaltungskosten vom Erbe ihrer Großmutter bestritt, konnte sie sich sicher nichts Besseres leisten. London galt nicht umsonst als teures Pflaster. Hier eine bezahlbare Wohnung zu finden, glich fast einem Wunder, und wenn man über kein pralles Bankkonto verfügte und noch dazu allein durchs Leben ging, musste man sich wohl oder übel in einem der sozialen Brennpunkte der Stadt häuslich einrichten.
Ich parkte vor dem grauen Gebäudekomplex, anschließend stiegen wir aus. Sofort lief ich um den Wagen herum an ihre Seite. Ein paar Meter entfernt saßen einige Jugendliche, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alte Halbstarke, die uns neugierig beäugten.
„Ich bring dich noch nach oben“, sagte ich und hoffte, dass sich in der Zwischenzeit keiner von diesen Kerlen an meinem Wagen zu schaffen machte.
Offenbar konnte Faith mir meine Sorge am Gesicht ablesen. Sie lachte leise. „Hab keine Angst, die Jungs da drüben sind harmlos, auch wenn sie aussehen wie Schwerverbrecher.“
Insgeheim war ich davon überzeugt, dass zumindest ein Teil der Jugendlichen etwas auf dem Kerbholz hatte, doch da Faith ganz offensichtlich keine Angst vor ihnen hatte, verlor sich meine Sorge ein wenig.
„Dein Wort in Gottes Ohr“, murmelte ich.
Statt meine ironisch gemeinte Bemerkung zu kommentieren, nahm sie mich an der Hand. „Na komm, Herr Anwalt. Wenn du schon mal hier bist, bekommst du eine exklusive Führung durch mein persönliches Reich“, sagte sie fröhlich, ruderte dann aber sofort zurück. „Es sei denn, du bist zu müde oder hast noch was Anderes vor“, fügte sie hinzu.
Ihre Wimpern flatterten hektisch auf und ab, wie immer, wenn sie verlegen wurde. Mit der Ergänzung „anderes“ spielte sie auf eine Frau an. Ich sprach nicht mit ihr über mein Sexleben, sie wusste auch nichts von meiner Ehe mit Nan und erst recht nichts von meiner kürzlich beendeten Affäre mit ihr.
Ob ich ihr weismachen sollte, dass ich mich mit jemandem traf, um ihr jegliche Hoffnungen zu nehmen, aus uns könnte sich mehr entwickeln? Nein, das brachte ich einfach nicht über mich. Ein Blick in Faiths wunderhübsches Gesicht reichte und ich wusste, was ich in Wirklichkeit wollte.
„Lass uns raufgehen“, raunte ich mit kehliger Stimme. Zwischen uns herrschte wieder diese Spannung, die man fast mit den Händen greifen konnte. Mein Puls fing an zu rasen, und sobald mein Blick auf ihren sinnlichen Mund fiel, spürte ich ein vertrautes Ziehen in meinen Lenden.
Ich sollte gehen, jetzt sofort, bevor es zu spät ist, dachte ich noch und lief mit ihr auf den Hauseingang zu, betrat das Gebäude und befand mich nur wenige Minuten später in ihrer Wohnung. Ihr Zuhause war wirklich winzig, trotzdem fühlte ich mich sofort wohl. Die Einrichtung vermittelte heitere Gemütlichkeit. Helle Wände, eine Couch in Antiklederoptik und natürlich fehlten auch nicht der obligatorische Fernseher und eine kleine Musikanlage. Beides hatte sie in einem Mediaschrank untergebracht, der sich direkt neben einem gut gefüllten Bücherregal befand.
„Schön hast du es hier“, lobte ich.
Faith stand neben mir, sie machte einen leicht eingeschüchterten Eindruck auf mich und spielte nervös mit ihren Fingern.
„Danke, du bist sicher eine luxuriösere Umgebung gewohnt, aber es gefällt mir hier. Es ist schön, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, und ich kann endlich tun und lassen, was ich will“, antwortete sie mit frisch erwachendem Selbstbewusstsein.
Die Bemerkung ließ vermuten, dass ihre Mum sie ziemlich rumkommandiert hatte. Ich konnte an einer Hand abzählen, wie oft die Frau mir damals begegnet war und kannte sie nur flüchtig. Schon die wenigen Treffen hatten ausgereicht, um mir ein Bild von ihrer eindeutig herrschsüchtigen Ader zu machen. Kein Wunder, dass Faith ihre Freiheit genoss.
„Ich mag es“, versicherte ich ihr und lächelte leicht. „Um ehrlich zu sein, sieht es hier mehr nach einem Zuhause aus als in meinem Apartment. Ich verbringe die meiste Zeit im Büro. Wahrscheinlich wäre es praktischer, mir dauerhaft eine Suite in einem Hotel zu mieten, weil ich ohnehin nur zum Schlafen heimkomme, aber ich brauche einfach meine Privatsphäre.“
Ein wenig betreten standen wir uns nun gegenüber. Normalerweise hatte ich keine Probleme im Umgang mit Frauen, doch diese ungewöhnliche Situation brachte auch mich an meine Grenzen. Verzweifelt suchte ich nach einem Aufhänger für ein möglichst ungefährliches Gesprächsthema. Eines, das mich nicht ständig daran denken ließ, wie einfach es wäre, meinem Verlangen nachzugeben und sie auf diese mokkafarbene Couch zu werfen.
Darauf lagen ungefähr ein Dutzend kleiner Zierkissen in verschiedenen Braunschattierungen, alle etwas heller als die Tönung des gemütlichen Sofas. Ein elfenbeinfarbener Teppich befand sich darunter.
„Setz dich“, schlug sie freundlich vor.
Eine prima Idee. Bevor ich mich auf dem Sofa niederließ, warf ich einen neugierigen Blick durch die beiden halb offenstehenden Türen. Küche und Bad, wie ich feststellte. Ein richtiges Schlafzimmer gab es hier also nicht, nur diese Couch, die man sicher zu einem Bett umfunktionieren konnte.
Faith versteckte die Hände hinterm Rücken, als wüsste sie nicht, wohin sonst mit ihnen.
„Sag mal, hast du eigentlich Hunger?“, fragte sie. „Du hast ja nichts mehr essen können vor dem Film und ich habe noch etwas von meinem Superspezial-Eintopf à la Faith übrig. Ich könnte die Reste aufwärmen. Brot ist auch da.“
„Da sag ich nicht Nein.“ Ich verspürte tatsächlich Hunger, und mit ihr zu essen, würde die aufgeladene Stimmung sicher beruhigen.
„Willst du gleich essen oder später?“
„Ich denke, wir sollten es nicht mehr allzu lange aufschieben. Sonst fall ich noch vom Fleisch.“
Ich untermalte diesen Scherz, indem ich mir über meinen flachen Bauch rieb. Ihr Blick folgte dieser Bewegung. Sie wurde umgehend rot und zog die Unterlippe zwischen ihre Zähne. Gleichzeitig warf sie mir durch ihre unglaublich langen Wimpern einen scheuen Blick zu. Es verschlug mir den Atem, die Lust schoss wie eine Stichflamme in mir hoch. Fast schon panisch setzte ich mich hin und flüchtete mich in einen flachen Witz.
„Deine Couch ist wirklich bequem. Genau richtig für einen alten Mann wie mich. Dann kann ich sichergehen, dass ich ohne Hilfe wieder aufstehen kann.“
Ich wurde nicht müde, auf mein Alter anzuspielen, auch um mich selbst daran zu erinnern, dass sie viel zu jung für mich war.
Ihr Protest kam schnell und entschieden. „Reese, du bist doch nicht alt!“
Mein Plan ging nach hinten los. Statt in die Küche zu gehen, setzte sie sich dicht neben mich und legte schüchtern ihre Hand über meine. Diese leichte Berührung fühlte sich wie ein Stromschlag an. Ein angenehmes Kribbeln zog von dieser Stelle über meinen gesamten Arm. Möglichst unauffällig entzog ich ihr meine Finger und rückte ein klein wenig von ihr ab. Sie durfte keinesfalls merken, welch erotisierende Wirkung ihre Nähe auf mich hatte. Meine erwachende Männlichkeit drückte bereits unangenehm gegen den Reißverschluss meiner Hose. Es war eine Scheißidee gewesen, sie in ihre Wohnung zu begleiten. Hierher, wo kein Mensch uns stören würde, wenn wir der Versuchung nachgaben.
„Reese? Was ist? Du siehst so wütend aus.“
Gott, merkte sie denn nicht, wie schwer es mir fiel, nicht einfach über sie herzufallen?
„Alles bestens“, presste ich hervor. Dieses bezaubernde Geschöpf saugte die letzten Widerstandskräfte aus mir heraus. Vor allem, weil ich eigentlich nur mit den Fingern schnippen musste und sie würde mir willig in die Arme sinken. Sie war nicht gut darin, ihre Gefühle zu verbergen, und ihre offensichtliche Verliebtheit in mich kam mir vor wie ein Freibrief. Wenn ich nicht so feige gewesen wäre, hätte ich mir einfach genommen, was sie zu bieten hatte. Ihre Schönheit, ihren Humor und ihre helle und freundliche Seele. Wie lange konnte ich noch widerstehen?
Mich räuspernd, verscheuchte ich die heißen Bilder, die durch meinen Kopf geisterten.
„Hast du nicht was von einem sensationell guten Eintopf erwähnt?“
Ich war glücklich über diese Möglichkeit, ihrer berauschenden Nähe für ein paar Minuten zu entkommen. Ich begehrte sie mit einer Heftigkeit, die mich erstaunte und erschreckte. Ich wollte ihr die Klamotten vom Leib reißen, die Konturen ihres grazilen Körpers mit den Lippen erforschen und ihre seidige Haut unter meiner Zunge spüren. Solange sie das Essen aufwärmte, konnte ich meinen rasenden Puls wieder unter Kontrolle bringen.
„Oh Gott, was bin ich für eine miese Gastgeberin“, entschuldigte sie sich fröhlich und erhob sich mit einer flüssigen Bewegung. Ihr süßer Hintern befand sich auf Augenhöhe mit mir. Der Anblick gab mir fast den Rest. Es gelang mir nicht, ein gequältes Stöhnen zu unterdrücken.
Faith bog mit einer geschmeidigen Bewegung ihren Kopf nach hinten und schenkte mir einen besorgten Blick. „Reese? Ist alles okay?“
Wahrscheinlich dachte sie, ich stünde kurz vor einer Herzattacke.
Ja, das tut sie, für sie bist du ja ein alter Mann, lästerte eine fiese innere Stimme.
„Alles bestens“, stieß ich hervor. In meiner Fantasie umfasste ich ihre Hüften und drehte sie zu mir um. Ich knöpfte die Jeans auf, zog sie mitsamt ihrem Höschen nach unten und erkundete die zarte Spalte, die ihren intimsten Ort verbarg, so lange mit der Zunge, bis Faith sich mir stöhnend öffnete. Dann würde ich ihre Schamlippen teilen und die kleine Perle in meinem Mund verschwinden lassen, um genüsslich daran zu saugen. Am Ende, wenn die Erregung überhandnahm und ich mich nicht mehr zügeln konnte, würde ich mich tief in ihren Schoß versenken und ihre Hitze um mich herum genießen …
„Reese?“ Faiths Stimme holte mich zum wiederholten Mal aus diesem erotischen Traum. Ihr unsicheres Lächeln zeigte ihre Verwirrung über mein Verhalten. „Bist du wirklich in Ordnung?“
Krampfhaft nickte ich, mir blieb ja nichts weiter übrig, obwohl rein gar nichts in Ordnung war. „Ja, entschuldige. Es war nur ein verdammt anstrengender Tag heute. Um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich alle.“
Diese Aussage würde ich sofort nach dem Essen als Aufhänger benutzen, um schnellstmöglich zu verschwinden. Ihre betörende Anwesenheit brachte mich immer näher an den Verlust meiner moralischen Grenzen. Wenn ich sie tatsächlich überschritt, konnte ich das nie wiedergutmachen. Für eine dauerhafte Beziehung war ich zu verkorkst, und Faith gehörte definitiv nicht zu den Frauen, die Sex und Liebe trennen konnten. Nicht mal Nan hatte das geschafft, und die hatte da sicherlich weit weniger Hemmungen.
„Gut, dann bin ich kurz in der Küche und mach uns den Eintopf warm. Oh, und bevor ich es vergesse: Was willst du trinken? Ich habe Orangensaft, irgendwo noch ein Bier oder ganz normales Wasser. Du kannst auch gerne den Fernseher einschalten, falls du dich langweilst, oder Musik hören oder einfach zwei Minuten die Augen zumachen, nach diesem langen Tag …“
Sie redete und redete wie ein Wasserfall und schien gar kein Ende zu finden. Wie früher. Faith hatte schon als Kind ohne Punkt und Komma geschnattert, um ihre Schüchternheit zu überspielen. Ohne zu antworten, erhob ich mich, legte ihr meine Hände auf die Schultern und zwang sie, mich anzusehen.
„Ich bin nicht durstig, ich will nicht fernsehen und auch kein Nickerchen machen“, zählte ich ihre Vorschläge von eben erneut auf. „Alles, was ich möchte, ist ein Teller von deinem Eintopf und deine Gesellschaft.“
Ein Keuschheitsgürtel für Männer wäre auch nicht schlecht …
Faiths wandte den Kopf ein wenig zur Seite und starrte auf meine Hand, die noch immer auf ihrer Schulter lag. Ihre Atmung wurde hastiger.
„Okay, du bist der Boss“, hauchte sie so nachgiebig, dass ich vor Begierde nach ihr fast die Wände hochging.
Ich war mir nicht sicher, ob ich das Essen überstehen konnte, ohne sie anzufassen. Jede Minute, die ich ohne die ersehnte Intimität mit ihr verbringen musste, zog sich endlos in die Länge und kam mir vor wie eine Bestrafung.
Meine Hand glitt kraftlos von ihrer Schulter, mir zitterten die Finger. Wie hatte das nur passieren können? Jahrelang hatte ich keinen Gedanken an sie verschwendet und jetzt stellte sie meine gesamte Welt auf den Kopf. Das war irrsinnig, auf der anderen Seite aber auch wunderschön, weil ich endlich wieder so etwas wie Lebensfreude spürte. Nur ihretwegen. Dieses Gefühl wollte ich nicht verlieren, gerade in diesen Sekunden wurde mir klar, wie sehr ich ihre Nähe und ihre Fröhlichkeit brauchte.
„Bis gleich“, flüsterte sie und verschwand in der Küche.