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Masken der Begierde
Ivy Paul

Preis eBook:6,99 EUR
Format:PDF
EPUB
Genre(s): Historical, Romane mit Buch-Trailer
Themen: Vanilla
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Hörprobe "Erotic Morning Lounge": [Masken der Begierde - gelesen von Rena Larf]


Buchtrailer:

Inhaltsangabe:

Ein düsterer Familienfluch zwingt Lucas St. Clair und seine Schwester Allegra zu einem luxuriösen, aber abgeschiedenen Leben im Lake Distrikt. In diese Einsamkeit dringt Violet Delacroix ein, als sie auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit den Posten als Allegras Gesellschafterin übernimmt.
Schnell wirbelt Violet zu Allegras Begeisterung das öde Leben der St. Clairs auf. Für Lucas St. Clair ist die energische Violet jedoch eine Unruhestifterin, die er gern wieder loswerden würde - so sehr er sich auch von ihr angezogen fühlt. Nach leidenschaftlichen Liebesnächten erkennen beide jedoch, dass sie mehr füreinander empfinden, als bloße Lust. Doch da sind die dunklen Geheimnisse, die beide sorgsam hüten und die eine Zukunft unmöglich erscheinen lassen.
Dann entdeckt Violet ein mysteriöses Tagebuch. Liegt darin der Schlüssel zu Lucas' Familiengeheimnis?
Über die Autorin:

Ivy Paul wurde 1975 im nebligen Augsburg geboren. Die Nabelschnur der schönen Patrizierstadt erwies sich seither als äußerst reißfest, und so hat sich der Wirkungskreis der zweifachen Mutter nie nennenswert verlagert. Eine Treue, die sich bezeichnenderweise auch auf ihr liebstes Hobby, das Schreiben erstreckt. Sollte eine Schaffenskrise ausbrechen, überwindet sie diese mit ihren zweitliebsten Hobbys: Seife sieden, Anrühren duftender Cremes oder Backen. Beim Schaffen soviel sinnlicher Genüsse dauert es nie lange, bis die Tastatur wieder klappert.


Besuchen Sie auch die Homepage von Ivy Paul: ivypaulsfantasiewelten.blogspot.com/.

Ebenfalls von Ivy Paul im Plaisir d'Amour Verlag erschienen:
Leseprobe:

März 1820, Lake District

Lucas stand barfuß und nur mit einer weiten Hose bekleidet inmitten flatternder Seidentücher, die vom warmen Sommerwind bewegt wurden. Aus dem Augenwinkel sah er eine Gestalt vorbeihuschen. Eine Frau lachte kehlig, und Lucas’ Herz pochte aufgeregt, während ihm Blut in seinen Schaft schoss. Er fühlte eine Bewegung hinter sich und fuhr herum. Die Unbekannte lachte erneut. Sie befand sich so nah vor ihm, dass er ihre Hitze auf seiner Haut wahrnahm. Der obere Teil ihres Gesichtes war von einem der Tücher bedeckt. Sie mochte hässlich wie die Nacht sein, doch ihre Lippen waren voll und rot, ebenso schien ihr Körper in jeder Hinsicht perfekt. Die Fremde presste ihren Mund auf den seinen und küsste ihn wild und leidenschaftlich. Lucas hatte so lange keine Frau mehr besessen, dass ihn nur die Lust leitete. Er vergrub seine Hände in ihrem dichten Haar. Ihr weiblicher Duft trieb ihn schier in den Wahnsinn. Zudem war die Unbekannte nackt. Er spürte den Druck ihrer Brüste an seinem Oberkörper. Ein heiseres Keuchen entwich seiner Kehle. Sein Schaft pochte drängend. Der Schmerz seiner Erektion ließ ihn jegliche Scheu fallen. 
Er hob sie auf seine Hüften, und erleichtert registrierte er, dass sie ihm die Hose herunterzerrte. Sie brachte sich in Position, umschlang ihn, während er mit einer fließenden Bewegung in sie hineinglitt. Ihre feuchte, enge Scham hieß ihn willkommen, und die Frau, deren Gesicht er immer noch nicht sah, seufzte befreit. Er stieß seinen Schwanz in sie, so tief und so hart, wie er es vermochte. 
„Die Blüten, Lucas, wach auf, du musst die Blüten bewundern.“ Die Stimme der Frau klang wie die seiner jugendlichen Schwester. 
Entsetzt fuhr Lucas zurück. Seine Erektion schrumpfte, und er kam in seinem Bett zu sich. 
Verschwitzt und schwer atmend fand er sich zwischen seinen Kissen wieder. Orientierungslos blinzelte er, ehe er seine Schwester Allegra erkannte, die im dunklen Schlafzimmer herumtanzte. Ihr langes, weites Nachthemd umflatterte ihren Körper, und ihre goldbraunen Locken flogen, während sie vor Begeisterung juchzte. „Siehst du die Veilchen, Lucas? Schau, wie sie im Sonnenlicht tanzen!“ 
Lucas setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Ally, es ist mitten in der Nacht.“ 
Wo steckte Allegras Aufpasserin? Er schlug die Bettdecke zurück und schwang seine Beine aus dem Bett. Lucas schlüpfte in Morgenmantel und Pantoffeln, ehe er zu Allegra eilte. Noch bevor er sie erreichte, sank sie zu Boden. Allegra kauerte auf dem Parkett, zitterte und sah sich verwirrt um, als Lucas einen Arm um sie legte. 
„Du hattest einen Anfall, Ally.“ Sanft half er ihr hoch. „Komm, Liebes, ich bringe dich in dein Bett.“
„Wo ist Miss Simmons?“
„Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um sie.“ Der Gedanke an die Unzuverlässigkeit der Krankenpflegerin weckte kalte Wut in Lucas. Doch er riss sich zusammen und führte Allegra in ihr Schlafgemach. Der Weg über den Gang war ihm im Dunkeln nicht weniger vertraut, dennoch schien er doppelt so lang. 
Der Geruch der verwelkenden Blumensträuße, die Allegra so zahlreich hatte aufstellen lassen, kitzelte Lucas’ Nase. Zu dem Aroma gesellte sich der Duft des alten Holzes und des Bohnerwachses, das die Wirtschafterin Mrs. Harvey so freigiebig verwendete. Allegra tänzelte leichtfüßig über das Parkett, während Lucas müde hinter ihr herschlurfte. Diese verfluchte Simmons! Warum gab sie nicht auf Allegra acht, so wie es ihre Aufgabe war? Immerhin bezahlte Lucas ihr ein großzügiges Gehalt. 
Sie erreichten die Tür zu Allegras Schlafzimmer. Durch den Spalt schien der Mond und warf knochenfarbene Streifen auf die dunklen Täfelungen. Verräterische Laute drangen aus dem Raum, und Lucas stieß die Tür auf. Auf der Pritsche am Fußende von Allegras Bett lag Clara Simmons und schnarchte, als müsse ein kompletter Wald gerodet werden. Auf dem Boden lag eine leere Schnapsflasche, und der Geruch, der Lucas in die Nase stieg, als er sich der Pflegerin näherte, verriet ihm, dass der Inhalt wohlverwahrt durch Mrs. Simmons Körper kreiste. 
Einen Moment lang überlegte Lucas, ob er die Betrunkene an ihrem Zopf aus dem Herrenhaus schleifen sollte. Doch die Vernunft siegte. 
Er half Allegra ins Bett, deckte sie fürsorglich zu und streichelte ihre Wange. 
„Schlaf, mein Liebes, morgen geht es dir besser.“ 
Allegra krauste die Stirn und nickte. Lucas lächelte und bezog Stellung auf dem Sessel an der Wand gegenüber. Er wachte über Allegras Schlaf. Gelegentlich übermannte ihn die Müdigkeit, doch das Schnarchen der Betrunkenen erleichterte es ihm, wach zu bleiben. 

Clara Simmons zuckte zusammen, als sie die Augen aufschlug und Lucas St. Clare, Earl of Pembroke, über ihr stand. 
„Habt Ihr Euren Rausch ausgeschlafen?“ Er konnte fühlen, wie ihm der Zorn in die Schläfen stieg, und zwang sich zur Ruhe. Allegras Lachen drang durch das offene Schlafzimmerfenster von der Terrasse herauf. Lucas konzentrierte sich auf die Frau, die sich mühsam aufrichtete. „Ihr verlasst mein Haus. Augenblicklich. Auf Halcyon Manor ist kein Platz für trunksüchtige Bedienstete.“ 
Die Pflegerin schluckte und hob an zu sprechen.
„Spart Euch Eure Lügen! Allegra kam letzte Nacht während eines Anfalls in mein Schlafzimmer. Es ist Eure Aufgabe, auf sie achtzugeben.“
Die Pflegerin erhob sich schwerfällig und starrte Lucas aus rot geränderten Augen an. „Ihr bestandet darauf, Allegra nicht zu fixieren …“
„So lange ich lebe, wird niemand Allegra wie eine schwachsinnige Irre behandeln!“, brüllte Lucas. 
Der Zorn brachte seine Halsschlagader zum Pochen. Nur einmal hatte er Allegra in der Obhut seines Cousins Neil zurücklassen müssen, der Allegra auf genau diese Art behandelt hatte. Dies würde kein weiteres Mal geschehen. Er ballte seine Fäuste. Clara Simmons war nüchtern genug, um ängstlich vor ihm zurückzuweichen. 
„Trollt Euch, Miss Simmons. Wagt Euch nie wieder unter meine Augen.“ Lucas wartete mit versteinerter Miene, bis die Frau ihr Bündel gepackt hatte und den Raum verließ, ehe er auf den Sessel plumpste. Er stöhnte und rieb sich das Gesicht.
Erneut war eine Pflegerin fort. Die wie vielte mochte Clara Simmons gewesen sein? Dieses Jahr bestimmt schon die zweite, die erste hatte mehr mit den Dienern geschäkert, als sich um Allegra gekümmert, und als diese einen Anfall gehabt hatte, flüchtete das dumme Weib hysterisch in sein Arbeitszimmer und wusste nicht, was sie mit einem Mädchen anstellen sollte, das wirr redete und zusammenbrach wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennte. 
Lucas raufte sich die Haare, starrte an die Decke und stöhnte frustriert. Fand er denn nie die passende Krankenschwester für Allegra?

„Nein!“ Allegra stampfte mit dem Fuß auf, während sie in der Mitte des Büros stand. Ihre braunen Locken hüpften wild im Takt ihrer Bewegungen. 
Lucas erhob sich, ging um den Schreibtisch herum und legte seine Hände auf Allegras Schultern. „Es geht nicht anders, Ally. Das verstehst du doch.“
Allegra schüttelte zornbebend den Kopf. „Lucas, du weißt genau, dass ich nicht schwachsinnig bin! Abgesehen von meinen geistigen Aussetzern bin ich normaler als alle anderen Mitglieder des ton zusammen.“
Lucas unterdrückte mit Mühe ein gequältes Lächeln. „Was schlägst du vor?“ Natürlich hatte sie recht, doch so großzügig die Gesellschaft über die Verrücktheiten und offensichtlichen Geisteskrankheiten altgedienter Lords und reicher Ladys hinwegsah, so erwies sich für ein junges Mädchen des tons schon der leiseste Zweifel bezüglich körperlicher und geistiger Gesundheit als verheerend. Seit dem Auftreten der Anfälle lebten Lucas und Allegra St. Clare zurückgezogen auf Halcyon Manor. Mit den Jahren hatte Lucas die Hoffnung verloren, Allegras Anfälle würden ähnlich wie Babyspeck schwinden. 
„Eine Gesellschafterin“, sprudelte es aus ihr heraus. „Jemand, der jung und hübsch und klug ist. Eine Person, die keine Angst vor mir hat und sich nicht scheut, mir beizustehen, wenn mich die Anfälle heimsuchen. Eine wohlwollende Frau, die mir eine Gefährtin, auf jeden Fall aber eine Unterstützung sein kann.“
Seine Mundwinkel zuckten. „Mir scheint, du hast dir ausführliche Gedanken darüber gemacht.“
Allegra nickte heftig. „Die Betreuerinnen, die du mir ausgesucht hast, erwiesen sich als Katastrophen! Die eine dumm wie ein Laib Brot, die andere ständig griesgrämig und die Letzte eine Säuferin.“
„Also willst du die Gesellschaftsdame selbst auswählen?“ Lucas verschränkte die Arme vor der Brust, um ein bisschen männliche Autorität zu verbreiten. Natürlich klappte es bei Allegra nicht. Sie hatte ihn vom ersten Moment an um den Finger wickeln können. Schon als Säugling, zahnlos und in Windeltücher gepackt. 
Allegra winkte gönnerhaft ab. „Nein, such du sie aus! Aber ich mag keine alte vertrocknete Jungfer und auch keine strenge Schulmeisterin. Wähle eine junge, hübsche Dame mit Sinn für Humor.“

Violet faltete das Taschentuch behutsam auseinander. In der Mitte des Stoffquadrats lagen eine Diamantkette und passende Ohrstecker. Mit zitternden Fingern strich sie darüber. Es bräche ihr das Herz, wenn sie den Schmuck ebenfalls versetzen müsste. Er war alles, was ihr von ihrer geliebten Mutter geblieben war. Aber falls das mit der Stelle nicht wie gewünscht klappte, würde sie auch die Kette und den Ohrschmuck zu einem Preis verpfänden müssen, der lächerlich niedrig war. 
Verbittert schüttelte Violet den Kopf und wickelte den Schmuck sorgfältig in das Taschentuch ein. Ihr Magen grummelte, und sie rieb sich die Nase. Die Stellenanzeige las sich mysteriös und verlockend zugleich. Es wurde eine junge, respektable Dame gesucht. Gebildet, patent und unabhängig, ohne Scheu vor einem kranken Schützling, zu dessen Fürsorge, Betreuung und Gesellschaft sie angeheuert wurde. 
Sie wunderte sich über den Ausdruck „Fürsorge“. Sollte es nicht heißen „Pflege“? Aber es war ihr gleichgültig, solange sie nur aus London fortkam. Weg von ihrem früheren Leben, ihren alten Bekannten. Nicht einer ihrer sogenannten Freunde hatte ihr Hilfe angeboten oder nach ihr gesucht. Für sie alle war Isabel Dorothea Waringham nicht länger existent. 
Auch was sie selbst betraf, gab es Isabel Dorothea Waringham nicht mehr. Sie war mit einem triumphalen Knall gestorben, und aus ihrer Asche war Violet Delacroix entstiegen. Arm und alleinstehend, aber mit genug Würde, um jeden Morgen in den Spiegel blicken zu können.
Wenn ihr die Glücksgöttin nur ein wenig wohlgesonnen war, würde Violet eine respektable Stelle im Lake District antreten. Die Kutsche käme jeden Moment, um sie zu dem Vorstellungsgespräch abzuholen. Sollte sie ihr Gegenüber beeindrucken, ginge es direkt weiter auf seinen Landsitz, wo ihr zukünftiger Schützling sie erwartete. 
Sie strich sich über die sorgfältig hochgesteckte Frisur sowie den einfachen Rock und lächelte ihrem Spiegelbild zu. Dann verließ sie das ärmliche Pensionszimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. 

Lucas streckte seine langen Beine aus und starrte in das Kaminfeuer. Er hatte einen nicht enden wollenden Vormittag hinter sich. Von allen schriftlichen Bewerbungen auf die Stelle als Allegras Gesellschafterin zog er nur vier Damen in die engere Wahl. 
Mrs. Cattleby sagte ihm bisher am ehesten zu, auch wenn sie blind wie ein Maulwurf schien und ihr Alter aus ihr eher die Großmutter denn eine Freundin für Allegra machte. Die anderen Damen, die sich beworben hatten, stellten sich leider als Reinfälle heraus. Die eine erwies sich als sauertöpfische Pastorentochter, und die andere weigerte sich, die Pflege zu übernehmen, sodass sich Lucas mit dem Gedanken anfreundete, Allegra mit Mrs. Cattleby zu beglücken. Ihm graute vor der nächsten Anwärterin, einer Miss Delacroix, eigenen Aussagen zufolge eine mittellose junge Dame von Stand, die auf diese Weise ihr Auskommen sichern wollte. 
Lucas seufzte und nahm einen Schluck Brandy, der ihm vom Wirt bereitgestellt worden war. Er bewunderte die goldbraune Farbe im Glas und bedauerte, nüchtern bleiben zu müssen. Die Konfrontationen mit den Frauen hatte ihm den letzten Nerv geraubt. Wie hatte er nur vergessen können, wie anstrengend es war, sich in der Gegenwart des schönen Geschlechts zu befinden? Schnatternde Weibsbilder, putzsüchtig, egozentrisch und empfindlicher als jedes Rassepferd. Der Himmel bewahre ihn davor, dass Allegra zu einer derartigen Schnepfe heranwuchs! 
Die letzte Bewerberin gab ihm gewiss in Kürze die Ehre. Sie hatte in ihrem Bewerbungsschreiben ihre Pünktlichkeit herausgestellt, und von draußen näherten sich soeben Schritte. Es war Zeit, es könnte besagte letzte Bewerberin sein. Er stellte den Brandy ab und zog sich in das dunkelste Eck des Raumes zurück. Um den Ruf seiner Familie zu schützen, hatte er entschieden, anonym als Esquire Smithson aufzutreten, und hielt sein Gesicht im Schatten, um eventueller Wiedererkennung vorzubeugen. 

Nervös betrat Violet das Wirtshaus. Im Innern ging es lebhaft zu, obwohl es doch erst Nachmittag war. Händler, Bauern und einfacher Landadel saßen auf Stühlen und Bänken, lachten, tranken und plauderten. Eine Gruppe junger Gentry-Männer spielte Karten an einem der hinteren Tische. Ein Bauer lag auf seinen verschränkten Armen, neben sich einen leeren Weinkrug, und schlief, während seine Freunde trunken zotige Lieder zum Besten gaben. 
Zögernd näherte sich Violet der Theke, wo ein Mann mit Schürze die Krüge füllte. 
„Sir, ich suche Esquire John Smithson.“ Sie schluckte ihre Unsicherheit hinunter und hob ihr Kinn. 
Der Wirt musterte sie neugierig, ehe er eine Kopfbewegung Richtung Treppe machte. „Dritte Tür links. Ihr braucht nur zu klopfen, Miss!“
Violet nickte und stieg die knarrenden Holzstufen empor. Ihre Knie zitterten. Sie hatte geglaubt, alles, was kommen würde, wäre nur noch ein Schatten jener Erfahrungen, die hinter ihr lagen. Doch nun erkannte sie, dass jedes neue Erlebnis für sie zu einem Berg erwuchs, den es zu bezwingen galt. 
Sie kam vor der Tür an, holte Luft und hob ihre Faust. Das Klopfen klang in ihren Ohren kläglich. Auf die Antwort des Esquires hin trat sie vorsichtig ein. 
Der Mann stand in einer Ecke des verdunkelten Raumes, und mehr als seine Konturen waren im ersten Moment nicht zu erkennen. Jemand hatte die Vorhänge vor die Fenster gezogen, so war es dunkel und stickig. Die Flammen aus dem Kamin ließen rötlich-gelbe Lichter im Zimmer tanzen. Violet erkannte die Umrisse der Möbelstücke, ein Sofa, ein Ohrensessel vor dem Feuer, ein Beistelltischchen mit Karaffe und Weinbrandglas sowie die Kamingarnitur. Ein wichtiges Detail, sollte der mysteriöse Mann im Schatten zudringlich werden. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Esquire zu und sank in einen tiefen Knicks. 
„Hattet Ihr eine angenehme Fahrt hierher, Miss Delacroix?“ Seine Stimme klang rau und volltönend. Er brachte etwas in ihrer Seele zum Klingen, das kein Mann vorher berührt hatte. 
„Ja, Sir John“, erwiderte sie wohlerzogen. 
„D’où etes-vous, Mademoiselle Delacroix?“ Woher kommt Ihr, Mademoiselle Delacroix? 
Violet benötigte einen Moment, ehe sie begriff, dass er sie auf Französisch anredete. 
„Je suis de London.“ Sie blieb nahe genug an der Wahrheit, um sich nicht in Erklärungsnöte zu bringen. 
Sein Blick glitt wie ein Feuerhauch über ihren Körper. Sie schluckte trocken, ignorierte das Zittern ihrer Knie und sehnte sich nach einem Schluck Wasser, einem kühlen Luftzug, irgendetwas, das die Hitze milderte, die ihren Körper ergriffen hatte. Aus dem Schatten heraus erkannte sie nicht mehr als seinen Schemen und die hellen Augen, die sie verschlangen und zum Beben brachten.
„Sprecht Ihr akzentfreies Englisch?“ Seine Augen verengten sich, und Violet fragte sich, womit sie seinen Unmut herausgefordert hatte, der ihr entgegenschlug. 
„Selbstverständlich“, entgegnete sie würdevoll. „Meine Mutter war Französin, mein Vater Engländer. Mein Französisch ist ebenso einwandfrei.“ Sie fügte hinzu: „Als wäre ich eine gebürtige Pariserin.“ 
Der Mann nickte. 
„Ihr habt die Stellenbeschreibung gelesen. Könnt Ihr dieser in allen Punkten entsprechen?“ 
Violet straffte sich. „Auf jeden Fall, Mylord.“
Esquire Smithson trat aus dem Schatten heraus, und zum ersten Mal konnte Violet ihn betrachten. Sein Gesicht war im eigentlichen Sinne nicht schön zu nennen. Es war ein kantiges, männliches Gesicht, mit von Problemen und Sorgen umwölkten Augen, deren Farbe sie gefangen nahm. Sie erwiesen sich von intensivem Grau, so grau wie die stürmische See. Und sein Blick traf sie bis ins Mark. Hitze wanderte ihr Rückgrat empor.
Er hob seine große Hand und legte sie auf die Brust, eine zutiefst männliche und doch auch anrührende Geste. 
„Ich bin Lucas St. Clare, Earl of Pembroke. Mein Anwesen Halcyon Manor liegt beim Lake Ullswater am Rande des Moors von Martinsdale.“ 
Violet knickste. „Erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Lord Pembroke.“ 
Der Earl nickte knapp und deutete auf das Sofa. 
„Setzt Euch“, befahl er harsch. Er wartete, bis Violet Platz genommen hatte, und ließ sich dann im Ohrensessel nieder. „Meine Wünsche bezüglich der Betreuerin meiner Schwester Allegra waren detailliert in dem Inserat dargelegt.“ 
Lucas St. Clares graue Augen fesselten Violet. Sie zwang sich zu einer bejahenden Kopfbewegung. 
„Ihr verfügt über erstklassige Referenzen. Lady Isabels Schreiben ist voll des Lobes über Euch“, begann er.

Nach einer gefühlten Ewigkeit intensivster Befragung und Musterung durch den Earl erhob sich dieser so abrupt, dass Violet erschrocken die Augen aufriss. 
„Ich nehme Euch in meine Dienste auf. Ich mag keine Verzögerungen. Habt Ihr Euer Gepäck dabei? Wir reisen sofort nach Halcyon Manor.“ 
Violet wurde beinahe schwindlig vor Erleichterung. Sie hatte die Stelle! Sie war sich bis eben nicht sicher gewesen, ob sie den Earl von ihren Qualitäten hatte überzeugen können. Die Beschreibung seiner Schwester Allegra überzeugte Violet, dass das Mädchen lieb, aber schwächlich sein musste. Er drückte sich vage über anfallartige Zusammenbrüche aus. Vermutlich neigte die Fünfzehnjährige zu Hysterie und Ohnmacht. Violet richtete ihre Röcke und blickte auf. Der schwache Duft seines Rasierwassers wehte in ihre Nase, und er war ihr so nah, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Als er Violet gegenüberstand, konnte sie seinen muskulösen Körperbau bewundern. Sie hatte schon immer Gefallen an großen, kräftigen Männern gefunden, und der Earl of Pembroke übertraf ihre kühnsten Mädchenträume. Sie zwang sich zu geschäftsmäßiger Ruhe. Er war ihr Dienstherr. Ihr Status als Angestellte des Earls machte aus ihr nur wenig mehr als ein Möbelstück.
„Selbstverständlich, Mylord. Es ist mir eine Ehre, in Eure Dienste zu treten“, erklärte sie beflissen.
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. 
„Es ist unnötig, mir schönzutun. Eure Aufgabe ist es, meiner Schwester Allegra Gefährtin, Lehrerin und Pflegerin zu sein. Ihre …“ Er zögerte und sein Blick flackerte. „… Konstitution ist nicht mit der anderer Mädchen ihres Alters vergleichbar. Eure Sorge gilt allein ihrem Wohlbefinden.“ Lucas brachte körperliche Distanz zwischen sich und Violet. „Fügt meiner Schwester Schmerzen zu, Miss Delacroix, und ich vergelte es Euch tausendfach.“ 
Die Drohung zwischen den Zeilen ließ Violet frösteln. Doch sie beschloss, zu beenden, was sie angefangen hatte. Koste es, was es wolle. Mit einem Mal beschlich sie das Gefühl, dass mit ihrer Zustimmung nichts mehr so sein würde, wie es war. 

Die Kutsche rumpelte über die Straßen. Violet sah aus dem Fenster und bewunderte die Landschaft. Sattgrüne Wiesen, lang gezogene Seen und pittoreske Dörfchen zogen draußen vorüber. Violet, die nie andere Gegenden als die Grafschaft Kent und London gesehen hatte, stieß begeisterte Laute aus. „Die Gegend ist einfach bezaubernd!“
„Das will ich nicht leugnen.“ Ihr Arbeitgeber, Lord Pembroke, lächelte das erste Mal, seit sie seine Bekanntschaft gemacht hatte. „Doch jetzt im April ist es längst nicht so reizvoll wie im Sommer. Ihr werdet sicher hingerissen sein, wenn Ihr die Landschaft in ihrer vollen Pracht erlebt.“
Violet warf ihm nur einen kurzen Blick zu, doch sie war sofort wieder gefangen vom silbrigen Grau seiner Augen. Lachfältchen machten ihn sympathisch und anziehend. Ein warmes Rumoren in Violets Magengrube ließ sie verharren. Um nichts in der Welt wollte sie die Aufmerksamkeit dieses offensichtlich gut gelaunten, zugänglichen Earls verlieren. Ihr schwante, dass diese Momente selten sein würden. Ihr Dienstherr schien zumeist ein grüblerischer, ernster Mensch zu sein.
„Lebt Ihr ausschließlich auf Halcyon Manor?“, erkundigte sie sich höflich.
Lucas St. Clare nickte. „Der Zustand meiner Schwester lässt es nicht zu, in London zu leben. Was mich betrifft, ziehe ich die ländliche Idylle dem oberflächlichen Stadtleben ohnehin vor.“ Er zog eine Taschenuhr hervor und starrte darauf. „Wir müssten rechtzeitig zum Tee eintreffen.“
Die arme Allegra! Es musste schlimm um ihren Zustand bestellt sein, wenn ihre Gesundheit keine Reisen erlaubte. 
„Ihr erzähltet, Eure Schwester sei etliche Jahre jünger als Ihr?“ Violet nutzte die momentane Redseligkeit Lucas St. Clares aus. Eine Ahnung sagte ihr, dass er sich selten derart aufgeschlossen zeigte. 
Der Earl lehnte sich zurück. Einige seiner sandfarbenen Haarlocken hatten der Zähmung durch Pomade widerstanden und fielen ihm ins Gesicht, was ihn verwegen wie einen Piraten wirken ließ. 
„Allegras Mutter Bethany war meine Stiefmutter. Kaum älter als ich.“ Der verbitterte Tonfall verriet Violet mehr, als Lord Pembroke erzählte. „Sie starb kurz nach Allegras drittem Geburtstag.“ Auf Violets fragenden Blick hin erklärte er: „Ein Kutschenunfall zusammen mit unserem Vater.“
„Dann ist Allegra eine Waise“, folgerte Violet. Ein Mädchen, das ohne Mutter aufwachsen musste, so wie Violet selbst.
Lucas St. Clares Miene verdüsterte sich. „Sie hat mich.“
Violet hielt es für ratsam, nichts zu äußern, und nickte nur. Wenn sie die Lage richtig einschätzte, wuchs das arme Mädchen in Obhut ihres mürrischen Bruders und verschiedener Dienstboten auf. Es oblag künftig Violet, dafür zu sorgen, dass Allegras Leben fröhlicher und angenehmer wurde. 

Lucas bemühte sich seit der Abfahrt, Miss Violet Delacroix kein besonderes Interesse entgegenzubringen. Er bereute es bereits bitter, sich für die Halbfranzösin entschieden zu haben, und wusste nicht mehr, was ihn dazu verleitet hatte. Mrs. Cattleby wäre geeigneter gewesen, auch wenn sie nicht dem gewünschten Alter entsprach. Miss Delacroix’ zierliche Gestalt wurde in den unförmigen Kleidern, die sie trug, erdrückt. Sie wirkte wie gefangen zwischen all diesen Stoffbahnen, und die triste Farbe sorgte dafür, dass ihre riesigen, veilchenblauen Augen nur umso intensiver leuchteten. Welch schlechter Witz, dass ihr Vorname Violet war. Aber vielleicht hatte sie sich den Namen selbst gegeben. Dies würde zum frivolen Charakter der Frauen und speziell dem der Französinnen passen. Es war der spontane Gedanke, Allegra durch Miss Delacroix mit der französischen Sprache vertraut zu machen, der ihn verführt hatte, sie in seine Dienste zu nehmen. Nach längerem Nachdenken musste er sich eingestehen, dass ihn ihre Unerschrockenheit beeindruckt hatte. Er wusste, dass er auf Frauen beängstigend wirken konnte; Allegra warf ihm oft genug an den Kopf, dass er ein schafköpfiger Knurrhahn war. Violet Delacroix schien das nicht zu stören. Seit sie die Kutsche bestiegen hatten, sah sie mit kindlicher Neugier aus dem Fenster und zeigte sich hingerissen von allem, was sie sah. Sie wirkte auf ihn wie eine Frau, die noch nie verreist war, und dass sie ihre Unerfahrenheit so unverstellt zeigte, gefiel Lucas außerordentlich. Vielleicht war es doch nicht verkehrt gewesen, sie eingestellt zu haben. Das Leben aus anderen Blickwinkeln wahrzunehmen, konnte für Allegra lehrreich sein. 
Die Equipage wackelte gefährlich, als der Kutscher über ein besonders schlechtes Wegstück raste. Lucas streckte den Kopf aus dem Kutschenfenster. 
„Henry, langsamer! Willst du uns umbringen?“ Er schloss das Fenster. 
Violet Delacroix’ Fäuste umklammerten den Haltegriff so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Durch die Kutsche ging ein Ruck, dann machte das Gefährt einen Satz, als es in ein Schlagloch rumpelte, und Miss Delacroix wurde aus ihrem Sitz nach vorn geworfen. 
Lucas fing sie auf. Seine Arme umschlossen ihren Körper, und ihr Busen drückte sich gegen seinen Brustkorb. Ihr Atem streifte seine Wange. Seidige Haarsträhnen kitzelten seine Haut, und ihr Duftwasser stieg in seine Nase. Veilchen. Was sonst? Er fühlte ihr Herz rasen und wie sich ihre kleinen Hände auf seine Schultern legten. Sie schob sich von ihm. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast. Sie sahen einander in die Augen, und in diesem Moment geschah etwas mit Lucas. Obwohl er zu einer spöttischen Bemerkung ansetzte, versagte ihm die Stimme. Ein Kribbeln überzog seine Haut, die sich mit einem Mal zu eng anfühlte. Violets Lippen waren voll. Sie forderten förmlich dazu auf, sie zu liebkosen. Lucas beugte sich vor und küsste Violet. Sie schmeckte süß, und ihr Geruch berauschte ihn. Sie wehrte sich nicht, ließ zu, dass seine Zunge in ihren Mund glitt und mit vorsichtigem Tasten ihre feuchten Tiefen erforschte. Ihr Zittern und heftiges Atmen bewies ihre Erregung, und der Gedanke, sie hier und jetzt nehmen zu können, ließ seinen Schaft schmerzhaft steif werden. Seine Hände strichen ihren Rücken entlang. Sie verharrten über ihrem Po, während er überlegte, ob er es wagen konnte, sie noch in der Kutsche zu verführen. Lucas fühlte, wie sie erstarrte. Ein Blick in ihre Augen verriet, dass sie dem erotischen Taumel nicht länger verfallen war, der von ihnen beiden Besitz ergriffen hatte. Sie blinzelte und drückte ihn entschlossen von sich. Er gab sie sofort frei, und sie setzte sich unsicher auf ihre Bank zurück. Sie brachte ihre Kleider in Ordnung, dann faltete sie sittsam ihre Hände im Schoß und begegnete Lucas’ Blicken kühl.
Die Wollust tobte durch Lucas’ Innerstes, und er hatte Mühe, eine bequeme Stellung zu finden, damit sein steifer Schaft nicht störte. Lucas räusperte sich. 
„Ich entschuldige mich für diese unangemessene Reaktion auf Ihre Umarmung, Miss Delacroix. Ich dachte, es läge in Eurem Interesse.“
Miss Delacroix keuchte. „Meinem Interesse? Behauptet nur noch, ich hätte mich auf Euch gestürzt!“ Ihre Stimme klang empört. 
Als sie das aussprach, musste Lucas erkennen, dass es tatsächlich so gewirkt hatte. Seine Laune sank auf Minusgrade. 
„Ist es so? Werte Miss Delacroix, die Erfahrung lehrt, dass Menschen, die dermaßen leidenschaftlich Vorwürfe abstreiten, dies tun, weil im Kern der Verdächtigungen immer Wahrheit steckt.“ Lucas verschränkte die Arme und fühlte sich sofort besser. 
Miss Delacroix schnaubte. „Ich weigere mich, auf derartig absurde Anschuldigungen einzugehen. Ich trat in Eure Dienste, um die Gesellschaftsdame Eurer Schwester zu werden. Und ich wäre Euch zutiefst verbunden, wenn wir diese unsinnige Unterhaltung beenden könnten und den Vorfall nie wieder erwähnen.“
Lucas nickte knapp. „Das ist ganz in meinem Sinne. Ich pflege keine amourösen Abenteuer mit meinen Bediensteten.“ 

Violet schwankte zwischen Empörung und Belustigung. 
Was bildete sich dieser Schnösel ein? Vielleicht sollte er sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Er litt eindeutig unter Halluzinationen. Hatte er ihr Missgeschick nicht ausgenutzt? Sie an sich gerissen, um sie zu betatschen und zu küssen? 
Natürlich war es sehr unanständig von ihr gewesen, sich nicht sofort zu befreien, doch ihr war seltsam zumute gewesen, schwindlig und heiß, und ihr Verstand hatte mit komplettem Versagen reagiert. Anders konnte sie sich ihr willenloses Tun nicht erklären. Das Brennen hatte sich gesteigert, als der Earl seine Arme fester um sie schloss, und doch war es ihr erschienen, als sei das die einzige Medizin gegen das unbekannte Leiden, das sie erfasst hatte. Mit der Berührung ihrer Lippen wechselte das Gefühl, es verlangte sie nach mehr. Mehr von Lucas St. Clare. Eine Gier, die sie zu überwältigen drohte, wäre ihr nicht aus einem verborgenen Winkel ihres Gehirns die Stimme ihres Vaters ans Ohr gedrungen: „Eine Frau hat sich in allem den Wünschen des Mannes unterzuordnen!“ Im selben Moment hatte der Earl sie besitzergreifend an sich gezogen und damit den Bann gebrochen, der über Violet lag. Der Himmel wusste, wozu Lucas sie getrieben hätte, wäre nicht ihr Verstand zurückgekehrt. 
Sie begegnete Lucas St. Clares finsterem Blick mit freundlicher Reserviertheit. Er benahm sich in der Tat, als wäre sie Betseba, die Verführerin. Dabei wirkte er verwegen und düster und so attraktiv, dass Violet sich fragte, ob das nicht seine Masche der Verführung war. Mit dem Anschein des gefährlichen Liebhabers unschuldige Opfer in sein Schlafgemach zu locken und all die Dinge mit ihnen anzustellen, die keine anständige Frau zu tun offen zugab. Ihr wurde bewusst, dass sich einige ihrer Haarsträhnen aus ihrem Dutt gelöst hatten, und sie steckte die Haare fest. Der Earl beobachtete sie kurz, um dann aus dem Fenster hinauszublicken. 
„Wenn Ihr einen Blick auf Euer neues Zuhause werfen wollt? Wir haben Halcyon Manor fast erreicht.“ Gelangweilt deutete der Earl auf die Landschaft vor ihnen. 
Neugierig beugte Violet sich vor und folgte seiner Handbewegung. Das Gelände, das sich vor ihr erstreckte, war traumhaft. Sie fuhren an einem dunkelblauen, lang gezogenen Gewässer vorbei, rundherum erhoben sich hohe Gipfel, teils schiefergrau, dann wieder braun gefleckt wie die Mischlingskatze ihrer Pensionswirtin und grün wie die Farne im väterlichen Wintergarten. Dazwischen tiefe Täler mit goldgelben Ginsterbüschen, die mit den Sonnenstrahlen um das schönste Gelb konkurrierten. In den Tälern lagen kleine Bauerncottages, manche einzeln, andere in Grüppchen um Dorfkirchen errichtet. Niedrige Steinmauern grenzten die Felder voneinander ab, was einige Schafe nicht davon abhielt, im Nachbarfeld zu wildern. Ein paar Langhorn-Rinder käuten gemächlich das saphirgrüne Weidegras, ohne sich von den dreisten Eindringlingen stören zu lassen. 
„Dort hinten ist Kenwick. Von allen Dörfern der Umgebung ist es das nächstgelegene zu Halcyon Manor.“ Lord Pembrokes Kopf war neben Violets am Kutschenfenster. „Seht Ihr? Dort ist es.“ Stolz schwang in seiner Stimme. 
Gehorsam betrachtete Violet den Herrensitz, der wie ein müder Riese in der Landschaft zu hocken schien. Das Haupthaus erwies sich als ein rechteckiger Bau mit zahlreichen korinthischen Säulen und kaum bekleideten Jünglingen. Die Fenster der unteren Stockwerke waren die so beliebten gregorianischen Schiebefenster, deren weiße Rahmen sich wohltuend von der grauen Fassade abhoben. Die Treppenaufgänge links und rechts trafen in eleganten Kurven zu einem Absatz zusammen, von dem die doppelflügelige Eichentür in das Innere des Herrenhauses führte. Der linke Flügel war mit dem Haupthaus verbunden, und als die Equipage vor die Treppe fuhr, erkannte Violet die Gestalt eines dunkelhaarigen Mädchens an einem der hohen Fenster. Ihre Glieder waren gerade und gesund gewachsen, soweit Violet das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie trug eines dieser Jungmädchenkleider, die die Beine sehen ließen und riesige Schleifen am Rücken besaßen. Das Mädchen strahlte, als es die Kutsche entdeckte. Violet fragte sich, wer das sein mochte. Vielleicht eine Freundin oder Verwandte Allegras? 
Violet wartete geduldig, bis der Kutscher den Schemel vor die Tür stellte und der Earl herausgeklettert war, um ihr aus dem Gefährt zu helfen. Zu ihrer Verblüffung lief er davon und überließ es dem Fuhrknecht, ihr aus der Equipage zu helfen. Der Kies unter ihren Füßen knirschte. Violet sog die frische Luft tief ein. Erst jetzt merkte sie, wie heiß und stickig es im Kabineninneren gewesen war. Die kühle Brise, die ihre Haut streichelte, war wohltuend. Ihre Lunge schien wie befreit, und die tiefen Atemzüge, die sich Violet gönnte, sanken bis hinab zu ihrem Bauchnabel. Neue Energie strömte durch ihre Adern, und sie konnte gar nicht anders, als ihren Körper aufzurichten. Die Sonne wärmte ihren Kopf, und sie reckte einen himmlischen Moment lang ihr Gesicht gen Himmel. Sie wusste, dass sie derartige Vergnügungen meiden musste, wollte sie nicht schwarz wie ein Mohr werden. Ein unangenehmes Erbe ihres Vaters, der im Sommer braun werden konnte wie ein Spanferkel auf dem Grill. Dazu das schwarze Haar ihrer Mutter und Violet hätte jederzeit als Zigeunermädchen durchgehen können. Sie riss sich zusammen. Es war ihr erster Tag als Gesellschafterin, und sie sollte Anstand und Würde beweisen. Sie suchte Lucas St. Clares Blick und ertappte ihn, wie er sie anstarrte, als wären ihr plötzlich Hörner gewachsen. Schuldbewusst wandte er seinen Kopf ab, und im nächsten Moment lenkte beide ein Schrei ab. 
Das brünette Mädchen rannte die Treppe hinunter und sprang ihn an. Er fing den Wildfang lachend auf. Verwirrt beobachtete Violet die Szene. Der mürrische Earl wirkte wie ausgewechselt. Er wirbelte das Mädchen herum, dass ihre Beine und Röcke flogen. Das ausgelassene, herzliche Treiben der zwei versetzte Violet einen Stich. Lucas ließ das Mädchen wieder zu Boden sinken, hakte ihren Arm bei sich unter und kam auf Violet zu. 
„Allegra, darf ich dir Miss Delacroix, deine Gesellschafterin, vorstellen?“ 
Allegra St. Clares große Augen waren das exakte Gegenstück zu Lucas’. Doch während sich in seinen Sorge spiegelte, blitzten Allegras vor Lebenslust. Sie befreite sich aus der Umarmung ihres Bruders und knickste vor Violet. 
„Miss Delacroix, erfreut, Euch kennenzulernen.“
Das also war die kränkliche Schwester? Sie hatte einen schwächlichen, blassen Backfisch von zurückhaltendem Temperament erwartet. Hatte sie Lucas missverstanden? Er hatte doch gesagt, dass Allegra Pflege benötige? Violet erwiderte den Knicks und reichte Allegra die Hand. 
„Ich freue mich auch, dich kennenzulernen, Allegra“, entgegnete Violet herzlich. 
Das brünette Mädchen mit den fröhlich blitzenden Augen wirkte auf Anhieb sympathisch auf Violet. Allegra schüttelte ihre Hand mit festem Griff. Dieses Mädchen strotzte vor Gesundheit. Was um Himmels willen bewog Lucas, sie für krank zu halten? Sie warf ihrem Dienstherrn einen kurzen Blick zu. Er beobachtete sie beide. 
Allegra wandte sich ihm zu. „Lucas, willst du nicht Miss Delacroix’ Sachen auf ihr Zimmer bringen lassen?“ 
Lucas winkte einen Diener heran und wechselte ein paar Worte mit ihm, ehe dieser Violets große Reisetasche in die Hand nahm. Violet bewegte sich einen Schritt auf ihn zu. 
„Ich kann mein Gepäck selbst tragen“, wehrte sie ab, verstummte aber, als sie den mahnenden Gesichtsausdruck des Dienstboten bemerkte. 
Allegra hakte sich an ihrem Unterarm unter. 
„Kommt, Miss Delacroix. Wir folgen Malcolm hinauf. Ich habe Euch einen Strauß Blumen auf das Zimmer bringen lassen. Blumen haben etwas so Freundliches an sich. Findet Ihr nicht auch?“ 
Violet ließ sich von dem Mädchen ins Haus führen. 
Die Eingangshalle war eine architektonische Augenweide. Rosafarbene Alabastersäulen, granitgraue Bodenfliesen und weiße Wände stachen Violet als Erstes ins Auge. An den Wänden und in den Nischen standen Blumensäulen mit üppigen Bouquets herum. Rechts vom Treppenaufgang, direkt unter einem bunten Sprossenfenster, ragte ein pyramidenförmiges Holzgestell empor, das als mehrstöckige Blumenbank diente. Topfpflanzen in den unterschiedlichsten Grünschattierungen türmten sich dort und vermittelten den Eindruck eines floralen Wasserfalls. 
„Wie wunderschön und ausgefallen“, entfuhr es Violet.
Allegra strahlte. „Vielen Dank.“ 
„Ist das dein Einfall gewesen?“ Beeindruckt sah sie das Mädchen an. 
„Ja. Und ich hätte sogar noch viel mehr extravagante Ideen, um dieses langweilige Gemäuer zu verschönern, aber mein Bruder liebt die Beständigkeit.“ Sie rollte die Augen.
Allegra sprühte vor Lebendigkeit. Violet beschloss, sich nicht mit Kofferauspacken zu beschäftigen, sondern umgehend mit dem mürrischen Earl zu sprechen. Er musste ihr im Detail erklären, welcher Art Allegras Gebrechen waren. 
Violet ließ sich von Allegra nach oben führen. Ohne Erstaunen bemerkte sie, dass Allegra sie in den Familientrakt führte. Auch hier fanden sich zahlreiche Topfpflanzen, Blumensträuße und Gestecke. In dunklen Ecken hellten weiße, gelbe oder rosafarbene Blüten die Szenerie auf. In helleren Bereichen des Flurs erfreuten Blumen in kräftigen Farben das Auge des Betrachters. 
„Du scheinst Blumen zu lieben?“, wollte Violet wissen und musterte Allegra neugierig. 
Allegra zuckte mit den Schultern. 
„Ich hasse Sticken.“ Sie grinste schelmisch. „Und mein Bruder stimmt mit mir darin überein, dass ich meine Stickkünste besser ruhen lasse, nachdem ich sein Lieblingsjackett verzierte. Seitdem kümmere ich mich um die Dekoration des Interieurs, und wir fühlen uns beide um einiges wohler.“
Violet verkniff sich ein Lächeln. Sie vermutete, dass Allegra nicht ansatzweise so traurig und einsam war, wie sie geglaubt hatte. Wenigstens verstand Allegra, sich sinnvoll zu beschäftigen. 
„Womit vertreibst du dir die Zeit?“ 
„Wir haben eine große Bibliothek, also lese ich viel. Wenn ich meinen Pflegerinnen entkommen konnte, ging ich viel ins Freie, um Sonne und Landluft zu genießen.“ Sie schwieg einen Moment. „Ihr stammt direkt aus London?“
Die Frage kam so plötzlich, dass Violet ein Zusammenzucken unterdrückte. „Ja. Warst du schon einmal in London?“
Allegra hielt inne, weil der Diener die Tür zu einem überraschend geräumigen Zimmer öffnete. 
„Euer Gemach, Miss Delacroix.“ Mit theatralischer Geste rauschte Allegra St. Clare in die Mitte des Raumes. 
Auf den Fensterbänken befanden sich Veilchensträuße, deren Blüten denselben Ton besaßen wie Violets Augen. Violet lächelte angesichts dieses netten Zufalls. Das Himmelbett verfügte über einen zartgelben Baldachin, während die Tagesdecke veilchenblaue Stickereien aufwies. Ein edler Schminktisch stand gegenüber vom Bett, und der Chippendale-Stuhl davor mochte die Summe von Violets Monatsgehalt um ein Vielfaches übersteigen. 
„Du treibst Scherze, Allegra.“ Sie drehte sich erneut um, bewunderte die feinen Tapeten, die wertvollen Gemälde und Kerzenlüster, ehe sie sich ihrem Schützling zuwandte. 
„Das käme mir nie in den Sinn, Miss Delacroix!“, widersprach Allegra. „Es war die Idee meines Bruders.“
„Der Earl?“, entfuhr es ihr. Hitze stieg ihr in die Wangen. 
Der Diener stellte ihre Tasche vor dem Bett ab, verneigte sich und grinste frech. Ihm war ihr Erröten nicht entgangen. Einen unglücklicheren Einstieg hätte sie sich kaum leisten können an ihrem ersten Tag als Dienstbotin, tadelte sie sich stumm. Malcolm, der Diener, verschwand aus den Räumlichkeiten. Bestimmt konnte er es kaum erwarten, seinen Klatsch über die Gesellschafterin der jungen Miss St. Clare loszuwerden.
„Er wollte, dass die neue Gesellschaftsdame Tag und Nacht ein Auge auf mich haben soll, und entschied deshalb, dass wir die ehemaligen Räume des Earls und seiner Gemahlin bewohnen sollen“, erzählte Allegra, ehe sie hinzufügte: „Wegen der Verbindungstür, wisst Ihr?“ 
Violet nickte mechanisch. Das musste die luxuriöseste Dienstbotenunterkunft aller Zeiten sein. Es machte ihr Angst, dass sie diesen Moment so unwahrscheinlich genoss. 

Mylord, ich muss mit Euch sprechen.“ Violet Delacroix stürmte in sein Arbeitszimmer, sodass Lucas vor Schreck einen langen Strich quer über das Dokument schmierte, das er zu unterzeichnen gedachte. Er warf die Schreibfeder hin, ungeachtet der Tatsache, dass nun schwarze Tintentropfen über die edle Tischplatte spritzten. Unwirsch sah er auf. Die Gesellschafterin Allegras hatte ihr scheußliches Reisegewand gegen ein zartgelbes Tageskleid getauscht, dessen Abschlüsse mit cremefarbener Spitze verziert waren. Automatisch starrte Lucas auf ihren Busen, der rund und straff unter dem Stoff verborgen lag. Vor sein inneres Auge schob sich das Bild von Violets nackten Brüsten, kecken Nippeln, die ihn aufforderten, danach zu greifen und daran zu saugen, zu knabbern und zu lecken. Lucas’ Schaft versteifte sich augenblicklich, und seine Laune nahm arktische Grade an. 
„Seid Ihr wirklich so dreist, hier hereinzustürzen wie ein Rudel Wildschweine?“ 
Violet starrte ihn indigniert an. „Rotte“, verbesserte sie ihn.
Lucas blinzelte verwirrt. „Wie bitte?“ 
„Es heißt eine Rotte Wildschweine und nicht ein Rudel Wildschweine“, erklärte Violet Delacroix. 
Lucas hob seine Hand und rieb sich über Wange und Kinn. Violet Delacroix runzelte die Stirn, öffnete den Mund, beschied dann, besser zu schweigen, und wartete, bis er anfing zu sprechen. Er atmete ein und aus, eine Methode, die ihm half, sein Temperament zu zügeln, sollte es nötig sein. In Violet Delacroix’ Gegenwart bedurfte es dieser Technik bedeutend öfter, als er erwartet hätte, und sie war noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden im Haus. Er rieb sich die Stirn. 
„Was kann ich für Euch tun?“, erkundigte er sich gequält. 
Violet Delacroix faltete ihre Hände sittsam vor ihrem Schoß und blickte zu Boden. Immerhin schien sie ein Mindestmaß an Anstand zu besitzen. Der Gedanke, dass Allegras gutes Benehmen unter Miss Delacroix’ Einfluss keinen allzu großen Schaden nehmen würde, erleichterte Lucas. Miss Delacroix stieß ein seltsames Geräusch aus. Sie hob ihre Hand und hüstelte. 
„Verzeihung“, nuschelte sie. 
Lucas wartete ungeduldig. 
„Es geht um Allegra, Sir.“ Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu.
Beunruhigt richtete Lucas sich auf. 
„Was ist mit Allegra?“ Ein neuer Anfall? Himmel, hatte dieses dumme Weib Allegra sich selbst überlassen?
„Mit ihr ist alles in Ordnung. Sie sitzt im Salon und trinkt Tee, bis ich zu ihr zurückkehre.“
Erleichtert ließ Lucas sich auf seinen Stuhl zurücksinken. „Was liegt Euch auf dem Herzen, Miss Delacroix?“ 
„Allegras Gebrechen“, begann sie. Miss Delacroix sah Lucas forschend ins Gesicht. „Eure Schwester kommt mir nicht vor, als wäre sie in irgendeiner Art und Weise krank. Doch Ihr bestandet darauf, dass ihre Konstitution nicht dieselbe ist wie die anderer Mädchen ihres Alters. Würdet Ihr mir freundlicherweise erklären, was das genau bedeutet?“ 
Natürlich musste eine derartige Nachfrage kommen. Schließlich erkannte man Allegras Leiden kaum auf Anhieb. Sie verhielt sich nicht wie eine dieser komplett Irrsinnigen in Bedlam, die man gegen Eintritt begaffen konnte. Die meiste Zeit benahm sich Allegra normal, doch urplötzlich verschleierte sich ihr Blick. Als Nächstes zitterten ihre Hände, als litte sie an Schüttellähmung, und in der Folge erzählte sie wirre Dinge. Dabei lief sie im Zimmer umher oder tanzte. Zu anderen Zeiten kippte sie auch einfach um wie ein gefällter Baum. Lucas versuchte abzuschätzen, wie Violet Delacroix reagieren würde, erführe sie von Allegras Wahnsinn. Er liebte seine Schwester mehr als sein Leben. Ihre Anfälle gehörten für ihn zu Allegra, und er tat alles, was in seiner Macht stand, um sie zu beschützen. 
Er hatte das einsiedlerische Landleben im Lake District nicht nur deshalb gewählt, weil er diese Lebensweise bevorzugte. Es war einfacher, sich von den anderen Adligen abzuschotten, wenn man weit abseits lebte. Und die Gelegenheiten für das Personal, Klatsch über ihre Herrschaften auszutauschen, reduzierten sich auf dem Land und mit den passenden Dienstboten ebenfalls um ein Vielfaches. 
„Mylord?“ 
Miss Delacroix riss ihn aus seinen Gedankengängen. Lucas wollte nicht riskieren, dass Allegras und Miss Delacroix’ Beziehung von Anfang an überschattet war. Es kostete zu viel Mühe, geeignete Damen zu finden, und gleichgültig, was er von Miss Delacroix hielt: Allegra schien sie zu mögen. 
„Es entspricht den Tatsachen, dass man Allegras Leiden nur selten bemerkt. Sie leidet an Schwächeanfällen. Nicht häufig, doch oft genug, dass ich nicht das Risiko eingehen kann, sie unbeaufsichtigt zu lassen.“ Die Lüge ging glatt von seiner Zunge. Wenn Allegra ihren ersten Anfall in Miss Delacroix’ Anwesenheit bekam, war immer noch Zeit genug, die Gesellschafterin über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Bis dahin war die Beziehung der beiden gefestigt, Miss Delacroix hatte seine Schwester besser kennengelernt und liebgewonnen und würde Allegra nicht wie eine schwachsinnige Irre behandeln. 
Miss Delacroix wirkte nachdenklich, als sie nickte. „Gibt es etwas, das es im Ernstfall zu beachten gilt?“
Lucas schüttelte den Kopf. „Behandelt sie sanft und verständnisvoll.“
Miss Delacroix neigte ihren Kopf hoheitsvoll. „Ich hatte nichts anderes vor.“ Ihr Blick glitt über Lucas’ Gesicht. Ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, sodass er sich irritiert fragte, was ihre Belustigung hervorgerufen haben mochte. Sie knickste und verließ das Arbeitszimmer. Er glaubte, Miss Delacroix’ Lachen durch die dicke Eichentür zu hören. 
„Seltsame Frau!“, murmelte Lucas und beugte sich gerade wieder über seine Papiere, als Jeremy, der Butler, anklopfte. Frustriert legte Lucas seinen Federkiel beiseite. 
„Mylord.“ Jeremy stellte ein Teetablett auf ein Tischchen vor dem Kamin. „Euer Nachmittagstee.“
„Danke, Jeremy.“ Lucas wandte sich seinen Unterlagen zu. Als der Butler reglos vor dem Schreibtisch verharrte, sah Lucas auf. „Ist noch etwas, Jeremy?“
Der hochgewachsene Butler räusperte sich. „Mylord, wenn mir die Bemerkung erlaubt ist, Ihr habt da etwas im Gesicht.“
„Was denn?“, fragte Lucas ungeduldig, als der Butler sich nicht zu äußern wagte. „Nase? Augen? Einen Bartschatten?“
„Schwarze Streifen.“ Die Stimme des distinguierten Butlers klang erstickt. 
„Streifen?“, echote Lucas, woraufhin Jeremy nickte. 
Lucas erhob sich und eilte zum nächstgelegenen Spiegel. Fluchend wischte er über die Schmutzspuren in seinem Gesicht. 
„Tinte“, stieß er hervor. 
Wie war das geschehen? Nun fiel ihm Violet Delacroix’ seltsames Benehmen ein. Dieses dumme Weibsbild! Warum hatte sie nichts gesagt? Wütend rieb er an den Tintenspuren auf Wange und Stirn herum. Wie lang lief er bereits damit herum? Nicht auszudenken, wenn er Gäste empfangen hätte!
Er stürmte in seine Privatgemächer, schmiss die Tür hinter sich zu und brüllte nach seinem Kammerdiener. Morley lief beim ersten Schrei Lucas’ aus der Ankleidekammer, um zu sehen, was sein Herr wünschte. 
Morley starrte Lucas an und bemühte sich erfolglos, sein Grinsen zu unterdrücken. 
Lucas hob aufgebracht die Arme. „Halt keine Maulaffen feil! Hilf mir, die Farbe aus meinem Gesicht zu bekommen!“ 
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